Engemann: „Predigt darf kein lauer Kompromiss sein“

Engemann: "Predigerinnen und Prediger ziehen sich oft nicht warm genug an, wenn sie die Theodizee-Frage angehen". (Foto: epd/Janits)
Engemann: "Predigerinnen und Prediger ziehen sich oft nicht warm genug an, wenn sie die Theodizee-Frage angehen". (Foto: epd/Janits)

Predigen Sie sich selbst, rät der Praktische Theologe

Mittersill (epdÖ) – Jede Predigt solle an die Lebenswirklichkeit der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher anknüpfen und ihnen zu einem Leben in Freiheit und Liebe verhelfen, referierte Wilfried Engemann, Ordinarius am Institut für Praktische Theologie an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, vor den TeilnehmerInnen der diesjährigen gesamtösterreichischen PfarrerInnentagung am 28. August in Mittersill.

Viele PfarrerInnen würden sich den Druck machen, die Ereignisse der vergangenen Woche am Sonntag in die Predigt einfließen zu lassen. Einerseits, weil die Predigt immer mehr Konkurrenz, etwa durch Medien, bekomme. Andererseits würden PfarrerInnen darin einen Anknüpfungspunkt sehen, vermutet Engemann. Gerade nach Katastrophen, etwa den Anschlägen in Norwegen 2011, würden PredigerInnen oft fragen, wie Gott denn solches Leid zulassen könne – theologisch spricht man von der Theodizeefrage. Davon rät Engemann aber ab: „Predigerinnen und Prediger ziehen sich oft nicht warm genug an, wenn sie diese Frage angehen“. In solchen Predigten würden Aspekte oft nur ventiliert werden, vieles bliebe verschwommen oder im Vagen. Gleichzeitig fehle Pfarrerinnen und Pfarrern oft die Sachkompetenz, sich zu politischen oder wirtschaftlichen Themen fundiert zu äußern. Dies solle jedoch nicht als Kritik verstanden werden, sondern als Entlastung.

Anknüpfungspunkt für PfarrerInnen in der Predigt sollen keine Skandale oder Katastrophen sein, sondern die Lebenswirklichkeit der ZuhörerInnen. Die Menschen selbst sollen zum Thema werden, in der Predigt soll – nach Martin Luther – ihre Sache verhandelt werden. Ihnen soll zu einem Leben in Tiefe und Weite verholfen werden. Damit dies gelinge sei es aber wichtig, dass PredigerInnen von dem ausgehen, was sie wirklich bewegt – PfarrerInnen sollen und dürfen sich selbst predigen, betont Engemann. Die Texte der Heiligen Schrift seien Mittel dazu, einen lebensdienlichen Glauben zu vermitteln. Dabei sei aber zu beachten, dass sich nicht jeder Text dazu eignet, gepredigt zu werden. „Die Predigt darf kein lauer Kompromiss zwischen Ihnen und dem Bibeltext werden“, rät Engemann den Pfarrerinnen und Pfarrern. „Predigen Sie nichts, was Ihnen nichts bedeutet, nur weil es theologisch richtig ist.“

Christian Führer über die Zeit der Friedensgebete: Glaube war größer als Angst

Über seine Erfahrung mit den Friedensgebeten in der ehemaligen DDR erzählte anschließend der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig, Christian Führer. Gemeinsam mit anderen initiierte er ab 1982 Friedensgebete, aus denen ab Oktober 1989 die sogenannten Montags-Demonstrationen wurden. Damals haben sich zehntausende Bürgerinnen und Bürger auf die Straße gewagt, um gegen das DDR-Regime zu demonstrieren. Aus diesen Kundgebungen schließlich wurde eine friedliche Revolution, die zum Untergang des sozialistischen Staates führte. Die Friedensgebete seien riskant gewesen, räumt Pfarrer Führer ein. Auch er wäre beinahe im Gefängnis gelandet, seinen Mitstreitern und ihm sei die Gefahr immer gegenwärtig gewesen. „Doch der Glaube war immer ein Stück größer als die Angst“, so der pensionierte Pfarrer. Die Kirche in der DDR sei entmachtet gewesen – dies führte dazu, dass sie sich ganz auf Jesus konzentrieren musste. So verhalf der atheistische Staat der Kirche zur notwendigen Besinnung, sagte Führer und resümiert: „40 Jahre DDR waren 40 Jahre Trainingscamp für den Glauben.“

Die gesamtösterreichische PfarrerInnentagung zum Thema „Riskante Liturgien“ wurde am 27. August mit einem Empfang und einer Online-Andacht auf Schloss Mittersill eröffnet. Noch bis zum 30. August beraten lutherische, reformierte und methodistische Pfarrerinnen und Pfarrer über Liturgien etwa nach Katastrophen oder bei Gedenkanlässen. Den Abschluss bildet eine Thomas-Messe mit dem reformierten Landessuperintendenten Thomas Hennefeld und Pfarrer Lars Müller-Marienburg, der die liturgische Gestaltung übernimmt.

ISSN 2222-2464