El-Gawhary: Die Arabische Revolution ist noch nicht zu Ende

"Wer übernimmt jetzt die Verantwortung und stellt sich den großen Herausforderungen?": Karim El-Gawhary bei seinem Vortrag in Bregenz (Foto: Karin Koestl)
"Wer übernimmt jetzt die Verantwortung und stellt sich den großen Herausforderungen?": Karim El-Gawhary bei seinem Vortrag in Bregenz (Foto: Karin Koestl)

Der ORF-Korrespondent sprach in Bregenz vor mehr als 500 ZuhörerInnen

Bregenz (epdÖ) – „Die arabische Revolution ist nicht beendet, der Kampf zwischen den alten und den sich neu findenden Kräften geht weiter, und die Lösung der sozialen Frage wird über den weiteren Verlauf entscheiden“, lautet eine der zentralen Botschaften von Karim El-Gawhary, dem langjährigen ORF-Nahost-Korrespondenten, der auf Einladung des ökumenischen Bildungswerkes Bregenz am 10. Jänner in Bregenz zu Gast war.

El-Gawhary wies darauf hin, dass vor einem Jahr etwas für die arabische Welt völlig Neues begonnen habe, nämlich die Mobilisierung einer kritischen Öffentlichkeit. „Das“, so der Journalist, der in den letzten Monaten fast nonstop von den Aufständen in der arabischen Welt berichtet hat, „ist wirklich neu in der arabischen Welt, dass Tausende, Zehntausende, ja Hunderttausende zusammenkommen und ohne Rücksicht auf eigene Gefährdung ihren Protest gegen korrupte und brutale Unterdrückerregime zum Ausdruck bringen. Aber letztlich werden nur so Regime gestürzt.“

In einem fast zweistündigen Gespräch gab El-Gawhary einen Überblick über die Anfänge mit der Ermordung des Studenten Said Chalid in Alexandrien durch Kräfte des ägyptischen Sicherheitsapparats, die sich daraus entwickelnden Proteste, wobei er neben der Polizeiwillkür auch die hohe Jugendarbeitslosigkeit sowie die jahrzehntelange Dauer von Regimen wie desjenigen von Hosni Mubarak und der ihn tragenden Kräfte als Gründe für den Ausbruch und die massive Form der Proteste nannte.

El-Gawhary betonte, dass die arabische Revolution einen langen Prozess darstelle und nahm Anleihen beim Fußball: „Die neuen Kräfte haben in der 2. Spielminute ein entscheidendes Tor erzielt, nämlich den Rücktritt des von der Armee gestützten Präsidenten Hosni Mubarak, aber noch sind 88 Minuten zu spielen. Und die Schwierigkeit besteht darin, dass es in diesem ‚Spiel‘ keinen Schiedsrichter gibt und die ’neue‘ Mannschaft ohne Trainer antritt.“ Die entscheidende Frage sei: „Wer kann das entstandene riesige politische Vakuum am besten füllen?“ Die Lösung der sozialen Frage sieht El-Gawhary als Schlüssel für den weiteren Verlauf der Ereignisse: „Vier von zehn Ägyptern leben von umgerechnet einem Euro pro Tag.“

Offen sei die Rolle des Militärs oder auch die der Muslimbruderschaft in einer zunehmend demokratisch werdenden ägyptischen Gesellschaft. „Wer übernimmt jetzt die Verantwortung und stellt sich den großen Herausforderungen?“, fragte El-Gawhary. Genau sei zu beobachten, wie die westliche Welt, Europa und die USA, aber auch Israel auf diese Umwälzungen reagierten, welche Rolle die Medien, die Künstler und die Frauen in der künftigen Gesellschaft spielen werden, aber auch wie mit Minderheiten wie z.B. den koptischen Christen umgegangen werde.

Mehr als 500 Interessierte nutzten die Gelegenheit, aus erster Hand detaillierte und differenzierte Informationen zum „Arabischen Frühling“ zu bekommen. Aufgrund des großen Interesses musste die Veranstaltung kurzfristig vom eigentlich vorgesehenen Veranstaltungsort, dem „Theater Kosmos“, in die benachbarte römisch-katholische Pfarrkirche Mariahilf übersiedeln. Kooperationspartner des Bildungswerkes Bregenz der katholischen Pfarren und der evangelischen Pfarrgemeinde Bregenz waren: Theater Kosmos – Bregenz, KBW Vorarlberg, EthikCenter KKV, Arbeitskreis Christentum und Sozialdemokratie (ACUS), Südwind, Pax Christi Vorarlberg, das Renner-Institut Vorarlberg sowie die Grüne Bildungswerkstatt.

ISSN 2222-2464