Drei Jahre Sozialwort: Expertengespräch im Parlament

Wien (epd Ö) – Zum Drei-Jahres-Jubiläum des Sozialworts hatten die Initiatoren am Mittwoch, 29. November, zu einem Expertengespräch ins Parlament geladen. In den Räumlichkeiten des Palais Epstein hoben die Podiumsteilnehmer die Aktualität der im Sozialwort angesprochenen Forderungen hervor, und Alois Riedlsperger, der in der Katholischen Sozialakademie das Projekt koordiniert hatte, erklärte: „Das Sozialwort geht weiter.“

Für die Vizepräsidenten des Bundesrats, Elisabeth Haselbach, wird die „besondere Qualitität“ des Sozialworts in der guten Zusammenarbeit der Ost- und Westkirchen deutlich, die gemeinsam das Sozialwort verfasst haben. „Dialog kann gerade im Hinblick auf MigrantInnen nicht genug hervorgehoben werden“, sagte Haselbach, die in Vertretung der Ersten Nationalratspräsidentin, Barbara Prammer, ein Grußwort sprach. Alois Riedlsperger dankte der neuen Nationalratspräsidentin: Sie hatte die ursprünglich vom früheren Nationalratspräsidenten Andreas Khol ausgesprochene Einladung an die Kirchen zu dieser Veranstaltung im Parlament erneuert.

Der diakonische Dienst der Kirchen will ein öffentlicher Dienst sein, erklärte der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Bischof Herwig Sturm. Das von den 14 christlichen Kirchen erarbeitete Sozialwort verstehe sich als „ein Stück Wegbeschreibung“ und lade zum „Mitgehen und Mitdenken“ ein, so der lutherische Bischof. Für den griechisch-orthodoxen Metropoliten Michael Staikos ist das Sozialwort ein „Zeichen konkreter Ökumene“. Das Eintreten für soziale Gerechtigkeit sei ein Auftrag des Evangeliums an alle Christen. Das Sozialwort habe gezeigt, dass „Religion und Kirche keine Privatsache sind“. Gerade in gesellschaftlichen Fragen, vor allem wenn es um den Schutz von Minderheiten geht, komme den Kirchen eine wichtige gemeinsame Rolle zu.

Diakonie-Direktor Michael Chalupka ortet drei große Herausforderungen: Pflege als „neues Lebensrisiko“, der Kampf gegen die Armut und verbesserte Aufstiegschancen für benachteiligte Kinder. Damit es nicht „die gute Pflege für Reiche und die schlechte für Arme“ gibt, schlägt Chalupka einen hauptsächlich steuerfinanzierten „Pflegeausgleichsfonds“ vor. Weiters fordert der Diakoniechef österreichweite Leistungsstandards und ein „leistbares, differenziertes, wohnort- und haushaltsnahes Angebot an Pflegebetreuung“. Bei der Mindestsicherung spricht sich Chalupka für eine Modernisierung des unteren sozialen Netzes aus, das „existenzsichernd, bürgerfreundlich und grundrechstorientiert“ zu gestalten sei. Während die neue Regierung noch auf sich warten lasse, könne die Zukunft benachteiligter Kinder nicht warten, bekräftigte Chalupka. Integration bedeute: soziale Teilhabe ermöglichen und die Ressourcen und Fähigkeiten der Kinder stärken. Vor allem aber brauche es ein institutionelles Umfeld, das „mit Unterschieden produktiv umgehen“ kann.

Existenzsichernde Einkommen für die Niedriglohnbranche forderte die an der Wiener Wirtschaftsuniversität lehrende Ökonomin Luise Gubitzer. Vor allem Frauen, besonders Migrantinnen, seien hier betroffen. Neben dem gewinnorientierten und dem illegalen Sektor, die beide stark wachsen, gerate der öffentliche Sektor immer stärker unter Druck. Der Privatisierungsdruck bei öffentlichen Gütern verschlechtere zudem massiv die Zugangsmöglichkeiten, warnte Gubitzer und erklärte: „Es reicht nicht, mitzureden und mitzudenken: Manche Entwicklungen müssen beeinsprucht werden.“

Der Religionspädagoge Martin Jäggle von der Katholisch-Theologischen Fakultät hob den ganzheitlichen Ansatz in der Bildung hervor. Als positive Beispiele konfessionsübergreifender Zusammenarbeit nannte Jäggle die neue Kirchliche Pädagogische Hochschule in Wien sowie den „konfessionell kooperativen Religionsunterricht“ an manchen Wiener Schulen.

ISSN 2222-2464