Die Wahl zwischen Herkunft und Niemandsland

"Glaube und Heimat": Regisseurin Stephanie Mohr hat das Schönherr-Stück neu inszeniert. Foto: W. Pobaschnig
"Glaube und Heimat": Regisseurin Stephanie Mohr hat das Schönherr-Stück neu inszeniert. Foto: W. Pobaschnig

Premiere von „Glaube und Heimat“ in der Josefstadt

Wien (epdÖ) – Es sind dumpfe Trommelschläge, schweren Herzschlägen gleich, die den ersten Blick des Publikums auf die Drehbühne begleiten. Ein leeres Zimmer ist zu sehen, in dem noch Leben zu spüren ist, das gerade noch hier war. Jetzt Stille, schwarze Wände, Leere. Das ist der Ausgangspunkt für Stephanie Mohrs Inszenierung von Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“ – dem 1910 entstandenen Drama über die Vertreibung österreichischer Protestanten, das am Donnerstag, 14. Februar, im Wiener Theater in der Josefstadt Premiere feierte.

Morgen ist es beim Sandperger zur Leithen und seiner Frau so weit. Das Geld für den Hof ist bereits im schwarzen Kaufbeutel am Tisch. Doch davor heißt es, alles zurücklassen, was Arbeit und Leben trägt. Die Sandpergerin stellt sich dem Reiter entgegen, der mit Gewalt und Degen die umklammerte Hausbibel an sich reißen will. Sie lässt nicht los. Blut fließt. Und nun geht es auch für den Bauern Rott um den Moment der Entscheidung. Trommelschläge sind wieder zu hören. Oder ist es doch der Herzschlag? Bekenntnis und Konsequenz ringen jetzt in der Seele Rotts und seiner Familie um Herkunft und Niemandsland, Familie und Zukunft, Asche und Leben, Glaube und Heimat…bis zum dramatischen Finale.

Der Dramastoff von „Glaube und Heimat“ nimmt auf die Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 unmittelbaren historischen Bezug. In den politischen Wirren und besonderen machtpolitischen Ansprüchen der Zeit in Tirol versuchte eine Gruppe von evangelischen Bauern 1832, bei Kaiser Franz I. eine Erlaubnis für eine persönliche Glaubensausübung (ohne Bethausbau, Pastor, Lehrer) zu erreichen. Die Erlaubnis wird unter Franz‘ Nachfolger Ferdinand abgelehnt, es folgt die Vertreibung. Zwischen dem 31. August und 4. September 1837 ziehen über 400 Protestanten vom Zillertal in das protestantische Preußen. Die Siedlung Zillerthal-Erdmannsdorf, das heute polnische Myslakowice, wird gegründet

Regisseurin Stephanie Mohr und das hervorragende Ensemble nehmen in der Neuinszenierung von Schönherrs „Glaube und Heimat“ mit auf eine Zeitreise, die in der historischen Dramaturgie wie den zeitübergreifenden Reflexionsansprüchen überzeugt und beeindruckt. 1910 wurde das Stück am Wiener Volkstheater uraufgeführt, 1911 mit dem Grillparzerpreis prämiert, 2001 unter Martin Kušej am Burgtheater neu aufgeführt. Mohr setzt in ihrer Inszenierung auf die inhaltlichen Spannungsbögen des Textes und gibt dem Ensemble ein Spiel in persönlichem Ausdruck und Können frei. Dies gelingt, Dramatisch wie im Impuls über den Zeitkontext hinaus. Das Publikum folgt aufmerksam und gebannt dem Bühnengeschehen bester Schauspielkunst, das bis zum dramatischen Finale mitreißt.

epdÖ/wp

Weitere Aufführungstermine im Theater in der Josefstadt unter: https://www.josefstadt.org/programm/stuecke/action/show/stueck/glaube-und-heimat.html

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ISSN 2222-2464