Die vielfältigen Gründe des Fanatismus

Das Theologische Quartett erörterte die Hintergründe von Hass und Terrorismus

Wien (epd Ö) – Der Fanatismus ist in der menschlichen Natur verankert, kann aber von Religion verstärkt werden. Diese Auffassung vertrat die Ordinaria für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Dr. Susanne Heine, beim „Theologischen Quartett“ zum Verhältnis von Religion und Fanatismus am 24. Oktober in Wien. Heine, die römisch-katholische Theologin Eva Schmetterer, die Nahostexpertin Gudrun Harrer und der emeritierte Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche Prof. Helmut Nausner präsentierten und diskutierten bei dem von der Evangelischen Akademie Wien und dem Albert-Schweitzer-Haus Wien veranstalteten Abend einschlägige Buchveröffentlichungen.

Heine, die das Buch von Amos Oz „Wie man Fanatiker kuriert“ vorstellte, wies darauf hin, dass Fanatiker die Verheißung einer heilen Welt schon jetzt im Diesseits realisieren wollten. Die Theologin sprach in diesem Zusammenhang von einem „verkappten Altruismus“ bei Fanatikern. Sie seien der Überzeugung, es mit anderen Menschen gut zu meinen. Hierin liege auch für die Religion ein „großes Versuchungspotential“. Ebenso warne das Buch von Oz vor allem im Blick auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern: „Niemand darf in die Knie gezwungen werden.“

Hass bedeutet „Autonomie pur“

Für Heine liegt die Wurzel des Fanatismus darin, dass der Mensch das Problem habe, sich gegenüber der gesamten Schöpfung als Individuum zu behaupten. Auch Amos Oz mache in seinem Buch darauf aufmerksam, dass ein Mensch, der abgrundtief hasst, niemandem verbunden sei. Er sei die „Autonomie pur“.

Im Blick auf den Nahostkonflikt erinnerte die Leiterin des Ressorts Außenpolitik der Tageszeitung „Der Standard“, Gudrun Harrer, daran, dass es in diesem Konflikt um ganz konkrete Probleme gehe wie territoriale Aufteilungen und die Wasserversorgung. Für Harrer erscheint deshalb der Begriff „Wut“ angemessener als der Begriff „Hass“.

Kritik aufgrund seiner proamerikanischen Haltung erfuhr das Buch „Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt“ des französischen Philosophen André Glucksmann bei den Diskutanten. Nausner, der das Buch mit den Worten „Glucksmann ist herausfordernd, man muss sich mit ihm auseinandersetzen“ präsentierte, berichtete von drei grundlegenden Zielrichtungen des Hasses, die der Autor beschreibt: Hass gegen die Juden, Antiamerikanismus sowie Hass gegen Frauen. Heine hob kritisch hervor, dass Glucksmann den Kausalzusammenhang zwischen Demütigung und Hass bestreite, und Harrer bezeichnete die politischen Beispiele des Autors als unzutreffend.

Fanatismus als einseitiges Weltbild

In dem Roman von Daniel Kehlmann „Die Vermessung der Welt“, den Eva Schmetterer vorstellte, stehen die Hauptpersonen, der Naturforscher und Geograph Alexander von Humboldt und der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, für ein streng naturwissenschaftliches Weltbild. Heine machte in der Diskussion darauf aufmerksam, dass der „Szientismus“ im 19. Jahrhundert als große Befreiung gewirkt habe. Naturwissenschaftliche Weltsicht werde aber missbraucht, wenn sie als einzige Weltanschauung ausgegeben werde. Welt und Mensch lediglich unter dem Aspekt des technischen Fortschritts zu sehen, sei Fanatismus.

Von einem politisch begründeten, aber religiös genährten Fanatismus handelt der Roman „Shalimar der Narr“ von Salman Rushdie, den Gudrun Harrer präsentierte. Politischer Hintergrund der Handlung ist die Entwicklung der Kaschmir-Region, die zunehmend in Intoleranz abgleitet. Die Hauptperson des Romans, Shalimar, durchläuft eine klassische Terroristenkarriere, ist aber, so Harrer, aufgrund seiner gescheiterten Ehe von rein persönlicher Wut angetrieben.

ISSN 2222-2464