„Die Mitschuld der eigenen Kirche beim Namen nennen“

Erklärung des Vorstandes des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) zum „Anschluss“ 1938

Wien (epd Ö) – Gerade angesichts des „ungeheuren Leides“ und der „Mitschuld der Kirchen“ an den Ereignissen vor 70 Jahren dürfe die Vergangenheit für die Christen nicht „ein abgeschlossenes Kapitel“ darstellen, sondern müsse als eine bleibende Herausforderung verstanden werden, den „ehrlichen Blick“ auf die Geschichte zu wagen – wenn er auch schmerzlich sei – und trotz vereinzelt aufleuchtender „Lichter der Mitmenschlichkeit“ die eigene Mitschuld „beim Namen zu nennen“. Dies betont der Vorstand des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) in einer Erklärung aus Anlass des Gedenkens an die Ereignisse im März 1938.

Auch heute noch bleibe die „bedrängende Frage“ unbeantwortet, warum 1938 auch Christen sich von den Nationalsozialisten blenden ließen und zu Mittätern wurden. Nach den Jahren des „katholisch inspirierten, aber autoritären Ständestaates“ empfanden viele evangelische Christen – aber auch Katholiken – bis hinein in die Kirchenleitungen den „Anschluss“ als „Befreiung“. Viele seien auch durch die Versprechen des NS-Regimes, „Arbeit und Brot für alle zu schaffen“, sowie durch eine „pseudoreligiöse Sprache und Inszenierung“ des Regimes und der Rede von der „Vorsehung“ geblendet gewesen. Dabei sei der „Triumph des Bösen“ keineswegs im Verborgenen geschehen: Überall seien in der Folge jüdische MitbürgerInnen verschwunden, ohne dass nach ihrem Verbleib ernsthaft gefragt worden wäre.

Zentral für die Mitschuld der Christen sei der Erklärung zufolge der „christliche Antijudaismus, der im 19. Jahrhundert massenwirksam ‚modernisiert‘ worden war“ und der die Christen blind gemacht habe „im Hinblick auf den mörderischen Antisemitismus der nationalsozialistischen Ideologie“. Allzu wenigen Christen sei bewusst gewesen, dass „die Hassparolen des Regimes auch ihre eigenen Wurzeln durchschneiden würden“. Selbst Theologen hätten sich für die Idee eines „nordischen, arischen Christus“ anfällig gezeigt. Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker hatte den christlichen Antijudaismus neben einer fatalen Politiklosigkeit der Kirche sowie einer quasi-religiösen Aufladung von politischen Personen und geschichtlichen Ereignissen als eine von „drei Verirrungen“ gekennzeichnet, die sich im Jahr des „Anschlusses“ verhängnisvoll auswirkten. „Relativ bald“ sei jedoch bei kirchlichen Amtsträgern aller Konfessionen „Ernüchterung“ eingetreten, als sie „mit der kirchen- und menschenfeindlichen Politik des Regimes konfrontiert wurden“.

Nur wenige „Lichter des Glaubens und der Mitmenschlichkeit“

Weiters erinnert die Erklärung daran, dass auch ChristInnen zu Opfern des Nazi-Regimes wurden. In dieser Tatsache komme die Spannung zum Ausdruck, die auch die katholischen Bischöfe in ihrer Erklärung zu 1938 mit den Worten aufgezeigt haben: „Auf der einen Seite das Wort aus dem Römerbrief: ‚Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam‘ (Röm 13,1), auf der anderen Seite das klare Petrus-Wort aus der Apostelgeschichte: ‚Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen‘ (Apg 5,29).“ Ausdrücklich benennt die Erklärung die drei Hilfsstellen – die „Hilfsstelle für nicht-arische Katholiken“ im Wiener Erzbischöflichen Palais, die „Schwedische Mission“ in der Seegasse sowie die Hilfsstelle der Quäker in der Wollzeile -, die sich der ChristInnen jüdischer Herkunft annahmen und so zu „Lichtern des Glaubens und der Mitmenschlichkeit“ wurden. Im gemeinsamen Leid in Konzentrationslagern und in der Wüste des Krieges sei der „Same jener ökumenischen Gesinnung gelegt worden, der bis heute Früchte bringt“. Die Einsicht in die Fehler der Vergangenheit müsse heute mit einer „Entschlossenheit“ einhergehen, „evangeliumsgemäß zu handeln, immer neu auf Gottes Wort zu hören und um Erkenntnis und Klarheit im Geiste Jesu Christi zu bitten“.

ISSN 2222-2464