Die Kirchen und die Europäische Union

Tagung in Heiligenkreuz eröffnet – Kapellari: Kirchen wollen sich am Integrationsprozess beteiligen – Kauer: In Europa regiert Recht und nicht Macht

Wien, 23. April 2002 (epd Ö) Eröffnet wurde am Montagabend im Stift Heiligenkreuz die ökumenische Tagung „Die Kirchen und die Europäische Union“. Kirchenjuristen und hochrangige Amtsträger der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirche aus ganz Europa beschäftigen sich von 22. bis 24. April in Heiligenkreuz und Klein Mariazell mit den rechtlichen Folgen der EU-Erweiterung für Kirchen. Erstmals wird eine derartige Tagung gemeinsam von der römisch-katholischen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche A.u.H.B. veranstaltet.

Kapellari: Österreichisches Modell vorbildlich

Die besondere Verantwortung der Kirchen im zusammenwachsenden Europa unterstrich der römisch-katholische Bischof Dr. Egon Kapellari. Die Suche nach der Seele Europas sei zum Randthema geworden, bedauerte der in der Bischofskonferenz für Europafragen zuständige Bischof. Stärker als bisher müsse es in der EU auch um „grundlegende Werte gehen“. Kapellari: „Die Kirchen und Religionsgemeinschaften wollen sich am Integrationsprozess beteiligen“. Hier sei die EU jedoch „noch vieles schuldig geblieben“. Das Zueinander und Miteinander von Staat und Kirchen in Österreich könne für Europa beispielgebend sein, erklärte der Bischof.

Kauer: Gleichberechtige Partner in einem gemeinsamen Haus

„Wir sind gleichberechtigte Partner in einem gemeinsamen Haus, dem Haus Europa, in dem das Recht regiert, und nicht die Macht“, sagte der evangelische Oberkirchenrat MMag. Robert Kauer bei der Eröffnung. Daher wolle das Symposion „Gewissheit“ über diese gemeinsame Basis des Rechts schaffen. „Europa ist uns Auftrag uns Hoffnung. Mit allen, die guten Willens sind, wollen wir es gestalten und offen halten als unser gemeinsames Haus“, zitierte der juristische Oberkirchenrat aus der Europa-Resolution, die die evangelischen Synoden im Oktober 1998 verabschiedet hatten. Im Prozess der Erweiterung, „einer der größten Herausforderungen für Europa“, würden die unterschiedlichen Perspektiven zu „Chancen für Europa, für die Europäische Union und für unsere Kirchen“, so das Mitglied der evangelischen Kirchenleitung.

Gehrer: Bekenntnis zum Religionsunterricht

Erfreut über das „vorbehaltlose Ja“ des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich zur EU-Erweiterung zeigte sich die für Kultusfragen zuständige Bundesministerin Elisabeth Gehrer. Religionen zeichne aus, „dass sie mit Menschen für die Zukunft arbeiten wollen“. Neben allen Rechtsfragen sei der Beitrag für die Seele Europas unerlässlich, betonte die Ministerin. Die Vermittlung der Wertegrundlage an junge Menschen sieht Gehrer als „große Aufgabe der Kirchen“ und bekannte sich zum Religionsunterricht als Pflichtgegenstand an österreichischen Schulen. Gehrer: „Werte können nicht neutral vermittelt, sondern müssen gelebt werden.“

Das Symposion ist als Folgeveranstaltung zur Tagung der Bischofskonferenz „Identität und Integration“ vom September 2000 und zu den „Donaukirchen-Konsultationen“ der evangelischen Kirchen gedacht, so der evangelische Oberkirchenrat Robert Kauer namens der Veranstalter. Nun solle erstmals auf europäischer ökumenischer Ebene Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch geboten werden, „um so das Zusammenwirken der Kirchen in der EU zu fördern und zu stärken“.

ISSN 2222-2464