Die Frau wird zum Problem gemacht

Oberkirchenrätin Hannelore Reiner und die Vorsitzende des reformierten Frauenforums Evelyn Martin kritisieren das Frauenbild des Vatikan-Dokuments

Wien, 6.August 2004 (epd Ö) „Mütterlichkeit auf der einen und Jungfräulichkeit auf der anderen Seite, symbolisiert im dogmatisierten, nicht biblischen Marienbild, bleiben für Kardinal Ratzinger die vorrangigen, wenn nicht alleinigen Lebensentwürfe, um als Frau als Ebenbild Gottes zur Lebenserfüllung zu gelangen.“ Das kritisieren die lutherische Oberkirchenrätin Dr. Hannelore Reiner und die Vorsitzende des Frauenforums der Evangelischen Kirche H.B., Evelyn Martin, am 6. August in einer Stellungnahme zum Schreiben der vatikanischen Glaubenskongregation über die „Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt“. In dem Dokument würden vielfach „bloß traditionellen Klischees“ aufs Neue zementiert. „Wirklich neue Ansätze“, insbesondere bezüglich der Gleichstellung für Frauen in der Römisch-katholischen Kirche, so Reiner und Martin in ihrer Stellungnahme gegenüber dem epd Ö, seien in dem Papier nicht zu finden. Die vatikanische Äußerung füge sich „nahtlos in eine Reihe von vatikanischen und päpstlichen Dokumenten der letzten Jahre zu dem Themenkreis Frau – Familie – Sexualität. Dass dies auch so gewollt sei, bekräftige das Schreiben selbst.

„Der Mann wird nicht in die Pflicht genommen“

Das Dokument zeige zwar „im Ganzen“, dass Rom bemüht sei, biblische Grundwahrheiten über die Gleichwertigkeit der Frau „zu akzeptieren, ja zu unterstreichen“. Angesichts des Titels des Schreibens sei es aber überraschend, dass eine Darstellung der Aufgaben des Mannes in einer Partnerschaft durchgehend fehle. „Die Frau wird zum Problem gemacht, der Mann wird bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht in die Pflicht genommen“, kritisieren Reiner und Martin.

Die Oberkirchenrätin und die Vorsitzende des reformierten Frauenforums stellen in diesem Zusammenhang die Frage: „Meint etwa die Glaubenskongregation, dass Frauen den Hinweis auf Selbstlosigkeit und Hingabe an den Nächsten nötiger hätten als Männer?“ Weiters fragen sie: „Wann schreibt Rom ein solches Dokument an die Adresse der Männer im dritten Jahrtausend, wo das Dasein für den anderen/die andere im Mittelpunkt steht?“

Aus ökumenischer Sicht schmerzlich

Im Blick auf die Ökumene halten Reiner und Martin die Tatsache für besonders schmerzlich, „dass die Priesterweihe in der Römisch-katholischen Kirche ausschließlich Männern vorbehalten bleibt“. Die Erkenntnis, dass in dieser Frage offenbar kein Dialog mehr möglich sei, stimme „tieftraurig“.

ISSN 2222-2464