Diakonie: Kinder mit Beeinträchtigungen im Schulsystem diskriminiert

Chalupka pocht auf Umsetzung der bereits unterzeichneten UN-Konvention – Recht auf integrative Bildung im Kindergarten ebenso wie in der Oberstufe

Wien (epd Ö) – Dass Kinder mit Beeinträchtigungen im österreichischen Schulsystem nach wie vor diskriminiert werden, darauf hat die Diakonie hingewiesen. Zwar hat Österreich die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung im März 2007 unterzeichnet, es hapert allerdings an der Umsetzung. So gebe es zu wenig Plätze in integrativen Kindergärten, ab dem 15. Lebensjahr fehlt für Kinder mit Beeinträchtigungen in Österreich derzeit überhaupt die Möglichkeit, an einem integrativen Unterricht teilzunehmen.

“Wir fordern, dass sich die österreichische Bundesregierung zu der bereits ratifizierten Konvention bekennt”, sagte Diakonie-Direktor Michael Chalupka am Donnerstag, 3. September, vor Journalisten in Wien. Inklusive Bildung müsse für alle Schülerinnen und Schüler, auch jene mit Beeinträchtigungen, über das neunte Pflichtschuljahr hinaus möglich sein. Ebenso brauche es einen flächendeckenden Ausbau von inklusiven Schulen bzw. den Umbau von bestehenden. Chalupka: “Auch beim Regelschulwesen sind wir von einer österreichweiten Inklusion weit entfernt.” Die Diakonie kritisiert weiters, dass die Integration je nach Bundesland höchst unterschiedlich umgesetzt werde. Insgesamt seien die Defizite “nicht nur ungerecht, sondern widersprechen auch klar der UN-Konvention”.

“Die Hürden, die uns das österreichische Bildungssystem bereitet, sind enorm”, erzählte Eva Kothbauer-Habersatter, Geschäftsführerin des Diakonievereins Salzburg, aus der Praxis. Aus einer Privatinitiative heraus ist dort vor 23 Jahren Österreichs erster integrativer Kindergarten entstanden. Ziel der Einrichtung ist es, auf Basis der Montessori-Pädagogik integrative Bildungsmodelle vom Kindergarten bis zur Matura anzubieten: “Wir wollen das Kind dort abholen, wo es steht.” Derzeit ließen es jedoch die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht zu, auch die Oberstufe integrativ zu führen. Kothbauer-Habersatter sieht sich in ihrem Konzept durch den Bildungsbericht 2009 bestätigt: Dort werde klar gezeigt, dass beim integrativen Unterricht keine Nivellierung nach unten stattfindet, sondern gerade auch besonders begabte Kinder davon profitieren.

Oft würden Kinder und Jugendliche aufgrund von Teilleistungsschwächen in Sonderschulen untergebracht, obwohl integrativer Unterricht für ihre Entwicklung günstiger wäre. Ebenso landen Kinder mit Migrationshintergrund öfter in Sonderschulen, obwohl kein sonderpädagogischer Förderbedarf gegeben ist, kritisierte Kothbauer-Habersatter. Die Geschäftsführerin plädierte auch für verstärkte Investitionen in die Frühförderung, ebenso sollte der Schuleintritt für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf um ein bis zwei Jahre verschoben werden können.

“Von Anfang an war es geradezu ein Spießrutenlauf, als Laura ihr schulpflichtiges Alter erreichte”, erinnert sich Philipp Lettowsky, dessen 14-jährige Tochter die Hauptschule des evangelischen Diakonievereins in Salzburg besucht. Leider stehe nun das Ende der schulischen Ausbildung bevor. Als einzige Alternative bliebe eine Art Polytechnikum. “Warum soll es für ein Kind mit körperlicher Beeinträchtigung und der Notwendigkeit, individuelle Lernförderung zu erhalten, nicht möglich sein, zumindest Maturaniveau auf integrativer Basis zu erlangen?” fragte der Rechtsanwalt.

ISSN 2222-2464