Diakonie fordert „Recht auf Kommunikation“

Ein "Recht auf Kommunikation" forderte die Diakonie Österreich bei einer Pressekonferenz in Wien. Am Podium: Beate McGinn (Verbund), Michael Chalupka (Diakonie) und Kathrin Lemler (betroffene Expertin, v.l.n.r.). Foto: Diakonie
Ein "Recht auf Kommunikation" forderte die Diakonie Österreich bei einer Pressekonferenz in Wien. Am Podium: Beate McGinn (Verbund), Michael Chalupka (Diakonie) und Kathrin Lemler (betroffene Expertin, v.l.n.r.). Foto: Diakonie

Menschen mit Behinderung auf moderne Hilfsmittel angewiesen

Wien (epdÖ) – Rund 63.000 Menschen in Österreich können sich nicht mittels Lautsprache verständigen und sind auf technische Hilfsmittel zur Kommunikation angewiesen. Gleichwohl könnten sich nur wenige diese hilfreichen Computer leisten, die finanzielle Unterstützung von öffentlicher Seite sei viel zu gering, darüber hinaus gleiche der Weg zur Finanzierung einem Hürdenlauf: Auf diesen Missstand machte die Diakonie bei einer Pressekonferenz am 10. Oktober in Wien aufmerksam. „Diese Menschen mit Beeinträchtigung in ihrer Lautsprache sind nicht sprachlos – sie werden vielmehr sprachlos gemacht, weil ihnen die notwendige Unterstützung für ein selbstbestimmtes Leben seitens der Politik verweigert wird“, betont Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich.

Zwar seien technische Hilfsmittel für Menschen mit Beeinträchtigung im „Nationalen Aktionsplan Behinderung“ der (ehemaligen) Bundesregierung vorgesehen, bei der Umsetzung gebe es jedoch nach wie vor Schwierigkeiten. „Um ein solches technisches Gerät beziehen zu können, müssen verschiedene Stellen in der Verwaltung abgeklappert werden, denn niemand ist voll zuständig, jeder hat nur eine Teilverantwortung. Menschen mit Behinderung und deren Angehörige werden dabei von Stelle zu Stelle geschickt, sie finden keinen einheitlichen Ansprechpartner vor, und letztlich werden ihre Geräte oft nicht vollständig ausfinanziert“, so Chalupka. Auch die UNO habe Anfang September 2013 der Republik Österreich empfohlen, einen übergreifenden gesetzlichen Rahmen für die Behindertenpolitik zu schaffen, da die föderale Struktur Österreichs oft ein Hindernis sein kann.

Das kann Romana Malzer, betroffene Mutter und Mitarbeiterin bei LifeTOOL, einem gemeinnützigen Unternehmen des Diakoniewerks Gallneukirchen und des Austrian Institute of Technology, welches diese Hilfsmittel entwickelt und zur Verfügung stellt, nur unterstreichen: „Die einzelnen Geräte kosten zwischen 200 und 20.000 Euro, der Papierkrieg für die finanzielle Unterstützung von öffentlicher Seite bleibt aber der gleiche. Für einen Computer, der bei der Kommunikation assistiert und 20.000 Euro kostet, bekommt man von der Krankenkassa nur 1.000 Euro, den Rest muss man irgendwie selber finanzieren.“

Unterstützung bekommen diese Menschen unter anderem durch einen speziellen Fonds, der vom Energieversorger „Verbund“ gemeinsam mit der Diakonie 2009 eingerichtet wurde. Mit dem Geld aus dem Fonds könne unter anderem finanzielle Soforthilfe geleistet werden, erklärt Beate McGinn vom „Verbund“. Durch diese Soforthilfe wiederum könne eine wichtige Hebelwirkung erzielt werden. „Der Fonds springt ein, wenn die Eigenmittel nicht reichen, um Kofinanzierung zu beantragen. Auf diese Weise konnten dank des Fonds 725.000 Euro an Finanzierung für Einzel- und Gruppenversorgung erreicht werden. Dies wäre ohne den Fonds nicht möglich gewesen“, betont McGinn. Insgesamt habe man seit Gründung des Fonds 2009 rund 5300 Menschen beraten und 330 Menschen mit Behinderung bei der Anschaffung eines technischen Hilfsmittels in der Höhe von 250.000 Euro geholfen.

Am Podium saß auch Kathrin Lemler, eine betroffene Expertin, die mittels assistierender Technologie sprechen und kommunizieren kann. Durch die Hilfsmittel sei es ihr möglich, ein normales Leben in einer Großstadt zu führen und am Forschungs- und Beratungszentrum für unterstützte Kommunikation an der Universität Köln zu arbeiten. „Ohne diese Unterstützung, ohne die ständige Entwicklung meiner Kommunikationsmöglichkeiten, würde ich heute gewiss kein so selbstbestimmtes Leben führen können. Ich würde in einem Wohnheim für behinderte Menschen leben und in einer Werkstatt Adressenlisten abschreiben. Dies möchte ich mir lieber nicht weiter ausmalen“, sagt Lemler.

Drei konkrete Forderungen richtet die Diakonie an die zukünftige Bundesregierung: Eine einheitliche Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige soll eingerichtet sowie eine institutionalisierte Zusammenarbeit aller Kostenträger im Hilfsmittelbereich gefördert werden. Es soll eine ausreichende Finanzierung für Geräte, aber auch für die Beratung von Betroffenen sichergestellt werden. Und es sollen Anpassungen beziehungsweise regelmäßige „Updates“ in den Hilfsmittelkatalogen der Sozialversicherungsträger stattfinden, damit auch neuere und elektronische Produkte erfasst sind. „Derzeit ist der Hilfsmittelkatalog auf dem Stand der 90er Jahre. Heute ist es für Betroffene schon schwierig, einen etwas moderneren Rollstuhl finanziert zu bekommen. Technische Hilfsmittel, die Kommunikation ermöglichen, sind gar nicht in dem Katalog“, kritisiert Chalupka. „Menschen ohne Behinderung leben im 21. Jahrhundert, Menschen mit Behinderung im 20. Jahrhundert!“

„Natürlich schließen wir eine soziale Lücke, die der Staat eigentlich zu schließen hätte“, so McGinn. Gemeinsames Ziel von Diakonie und „Verbund“ sei es aber, den Staat dazu zu bringen, diese Lücke so bald wie möglich zu schließen.

Am 11. Oktober 2013 wird sich das 41. Martinsstift-Symposion ebenfalls mit diesem Thema auseinandersetzen. Die eintägige Veranstaltung im Brucknerhaus in Linz trägt den Titel „Von wegen sprachlos! Die Vielfalt der Unterstützten Kommunikation entdecken und einsetzen“.

ISSN 2222-2464