Diakonie fordert Konjunkturpaket für Sozialbereich

Chalupka: „Offensive in der Krise“ – Schenk: „Mehr vom Richtigen“ – Schneider: „Soziale Arbeit nicht als Kostenfaktor sehen“

Wien (epd Ö) – Ein drittes Konjunkturpaket zu Gunsten Ärmerer und der sozialen Zukunftssektoren fordert die Diakonie Österreich. Es brauche eine „Offensive in der Krise“, sagte Diakonie-Direktor Michael Chalupka bei einem Mediengespräch am Montagabend, 27. April, in Wien. Bei den bisherigen Konjunkturpaketen seien „Alte, Kranke, Arme und behinderte Menschen vergessen“ worden. Gerade im Bereich Pflege ortet die Diakonie einen „enormen Bedarf“.

Investitionen in den Bereich sozialer Dienstleistungen schaffen „Win-win-Situationen“, betonte Diakonie-Sozialexperte Martin Schenk. Dienstleistungen, die im Alltag unterstützen, helfen einer großen Bevölkerungsgruppe, besonders auch Ärmeren. Dabei spannt sich der Bogen von der Kinderbetreuung über aktive Arbeitsmarktpolitik über sozial integrative Schulen bis hin zu Pflegehilfen. Durch Investitionen in diesen Sektor könnten die Einkommen von Frauen angehoben, Arbeitsplätze geschaffen, Kinder früher gefördert und pflegende Angehörige entlastet werden. Für dieses dritte Konjunkturpaket spreche laut Schenk „die soziale Verantwortung und die sozialökonomische Vernunft“. Die wirtschaftliche Lage erfordere umfassende Investitionen, es brauche „mehr, aber auch mehr vom Richtigen“.

Soziale Arbeit dürfe nicht nur als Kostenfaktor gesehen werden, warnte die Leiterin des Instituts für Sozialpolitik an der Wirtschaftsuniversität Wien, Ulrike Schneider. Rund 120.000 entgeltlich Beschäftigte im Sozialwesen sorgten täglich für produktive Beiträge zur Wirtschaftsleistung. Investitionen in den sozialen Sektor schaffen auch an anderen Stellen Beschäftigung, Geld wäre hier „gut investiert“. Wie Schneider in mehreren Untersuchungen etwa von Wiener Kindergärten festgestellt hat, weisen Aufwendungen im Sozialbereich eine hohe Multiplikatorwirkung auf. Abgesehen von der zeitlichen Entlastung von Eltern kleiner Kinder durch Kinderbetreuungseinrichtungen und der höheren Erwerbspartizipation der Eltern beeinflussen Investitionen in diesen Bereich direkt die Volkswirtschaft durch gesteigerte Konsumnachfrage, eine höhere Wertschöpfung und Beschäftigungsrate. Nicht zu unterschätzen sei auch der ökonomische Wert der Freiwilligenarbeit, die in sozialen Einrichtungen stattfinde.

Gerade der Bereich der mobilen Pflegedienste eigne sich ideal für einen effizienten Ausbau, da die Einschulungsphase für NeueinsteigerInnen hier kurz sei und die positiven Nebeneffekte rasch zum Tragen kommen, führte Martin Schenk aus. Investitionen in diesen Sektor seien auch konjunkturell interessant, weil sie in strukturschwachen Regionen Jobs schaffen. Dabei gehe es darum, hochqualifizierte Dienstleistungen für pflegebedürftige Menschen zu ermöglichen, Beschäftigung zu fördern, regionale Impulse zu setzen und schon jetzt für die zukünftige Nachfrage nach Pflegedienstleistungen vorzusorgen.

Denn derzeit rangiert Österreich mit seinem Angebot an sozialen Dienstleistungen sowohl bei der Pflege als auch der Kinderbetreuung unter dem EU-Durchschnitt. So werden etwa bei den mobilen Diensten in Österreich neun Menschen von einer Pflegekraft betreut, in Deutschland liegt das Betreuungsverhältnis bei eins zu fünf, in Dänemark steht sogar für zwei zu Betreuende eine Pflegekraft zur Verfügung.

ISSN 2222-2464