Diakonie fordert Ausbau des Pflegenetzes für Demenzkranke

Chalupka: Änderung des Pflegegeldgesetzes notwendig – 80 Prozent der Demenzkranken werden von Familienangehörigen gepflegt

Wien (epd Ö) – Einen Ausbau des Pflegenetzes für demenzkranke Menschen sowie eine bessere Anpassung der existierenden Pflegeeinrichtungen an das Krankheitsbild Demenz fordert die Diakonie Österreich. Wie Diakonie-Direktor Michael Chalupka bei einer Pressekonferenz am Donnerstag, 20. März, in Wien betonte, weise das Pflegenetz in Österreich gerade im Blick auf die Pflege demenzkranker Menschen erhebliche Lücken auf. Es brauche ein „Pflegenetz, das trägt“ und das dazu beitrage, dass „Menschen nicht vergessen werden, die selbst vergessen“, so Chalupka.

Insbesondere mangle es an einer „Differenzierung des bestehenden Angebotes“, so Chalupka. So gebe es zwar die Möglichkeit stationärer Betreuung sowie mobiler Pflegedienste bis hin zu einer mobilen 24-Stunden-Betreuung; es bedürfe jedoch eines leistbaren und flächendeckenden Ausbaus des Angebots und einer Differenzierung hin zu Teilzeitbetreuungsmöglichkeiten, Kurzzeitpflege und teilstationärer Angebote, da demenzerkrankte Menschen einer besonderen Form der Pflege bedürfen. Möglichkeiten, die Lücken zu schließen, gäbe es z.B. durch eine systematische Koordination von Nachbarschaftshilfen sowie die Einrichtung eines speziellen Pflegenotrufs für demenzkranke Menschen.

Betreuungsrealität „ernüchternd“

Der Blick auf die Betreuungsrealität demenzkranker Menschen in Österreich sei derzeit ernüchternd, so Chalupka. So gelte Demenz in der Gesellschaft immer noch als „Tabuthema“, was dazu führe, dass Demenzerkrankungen häufig übersehen werden und Behandlungen zu spät einsetzen. Dies hänge oftmals auch mit einer „tiefen Scham“ der Betroffenen zusammen, die Erkrankung anderen gegenüber einzugestehen. Die Betreuungsrealität sei weiterhin durch „psychischen und physischen Dauerstress“ der pflegenden Angehörigen gekennzeichnet, der oftmals bereits nach kurzer Zeit zu einem „Burn-out“ führe. Derzeit wird die Pflege demenzkranker Menschen zu rund 80 Prozent von Familienangehörigen übernommen. Rund ein Viertel der Betroffenen wird zusätzlich durch mobile Pflegedienste unterstützt. 15 Prozent der Kranken befinden sich in stationärer Pflege, durch so genannte „illegal beschäftigte Pflegekräfte“ werden rund 5 Prozent betreut.

Festzustellen sei außerdem im Blick auf die Betreuungs- und Pflegemöglichkeiten ein starkes qualitatives Gefälle zwischen Stadt und Land. Weiters gebe es ein erhebliches Gefälle zwischen den Bundesländern, da Pflege Ländersache ist und hier „sehr unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden“, so Chalupka. Daher brauche es „dringend vergleichbare und gleiche Standards zwischen den Bundesländern in der Pflege“, forderte der Diakonie-Direktor.

Änderung beim Pflegegeldgesetz notwendig

Konkrete gesetzliche Änderungen sind laut Chalupka im Blick auf das Pflegegeldgesetz notwendig. So würden derzeit Demenzerkrankte nicht krankheitsangemessen eingestuft, sondern auf Grund ihrer häufig guten körperlichen Verfassung nur in die niederen Pflegestufen 1-3 eingestuft. Dies bedeute die Finanzierung eines täglichen pflegerischen Zeitaufwands von rund 90 Minuten in der Pflegestufe 1 bis zu maximal 320 Minuten in der Pflegestufe 3. Angesichts des tatsächlichen Aufwandes bei Demenzpatienten sei dies jedoch zu gering bemessen, so Chalupka.

Mit der Änderung des Pflegegeldgesetzes müsste außerdem die Einrichtung eines Pflegelasten-Ausgleichsfonds einhergehen, der das Risiko eines „Absturzes in die Armut“ im Falle einer Demenzerkrankung abfedern soll, so Chalupka. Derzeit werden pflegeintensive PatientInnen oftmals in die Sozialhilfe getrieben, da sie die Mehrkosten der Pflege nicht allein tragen können. Da die Sozialhilfe jedoch eine „Stigmatisierung“ bedeute und von ihrer Grundausrichtung als Überbrückungshilfe und nicht als Ersatz für mangelndes Pflegegeld gedacht sei, bedürfe es eines solchen Fonds.

Neben einer Anpassung des Pflegegeldgesetzes sei darüber hinaus auch der Einsatz spezieller Fachärzte im Rahmen der Pflegegeldeinstufung notwendig, die den tatsächlichen Pflegebedarf lebensnaher ermitteln können, so Chalupka. Die Diakonie fordere im Blick auf das Pflegegeld eine jährliche indexgebundene Valorisierung.

Demenz ein Thema der Zukunft

Neben einem flächendeckenden Ausbau der Pflegeeinrichtungen und -dienste sei außerdem der Ausbau therapeutischer Angebote für Demenzkranke notwendig. Chalupka nannte spezielle Wohnformen (betreute Wohneinheiten), Ergotherapie, Gedächtnistrainingsangebote und betreute ambulante Gruppen für Demenzkranke zur Erweiterung der sozialen Kontakte.

Das Thema Demenz wird laut Chalupka ein wichtiges Thema der nahen Zukunft werden, da mit steigender Lebenserwartung und einem steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung auch das Risiko steige, an Demenz zu erkranken. So weise die Statistik für das Jahr 2000 in Österreich rund 90.000 demenzkranke Menschen aus, im Jahr 2010 werden es bereits rund 109.000 sein; bis zum Jahr 2050 wird ihre Zahl in Österreich auf rund 233.000 ansteigen. Verzeichne man derzeit jährlich rund 23.600 Neuerkrankungen, so werde die Zahl der Neuerkrankungen bis zum Jahr 2050 auf rund 60.000 ansteigen.

Von konkreten Hilfs- und Pflegeprojekten für demenzerkrankte Menschen berichteten Claudia Löcker-Tucek, die Leiterin des Hauses am Ruckerlberg in Graz, sowie Robert Damjanovic, stellvertretender Projektleiter der Mobilen Demenzberatung Pinzgau. Diese von der Diakonie in Kooperation mit anderen Hilfsdiensten wie der Caritas, dem Hilfswerk und dem Roten Kreuz getragenen und vom Sozialministerium finanzierten Projekte könnten „Modellcharakter“ für den einzuschlagenden Weg beim Ausbau der Pflegeangebote für demenzkranke Menschen haben, so Chalupka.

ISSN 2222-2464