Der schiefe Turm von Walbersdorf

Ein "kleines, selbstbewusstes Zeichen genau gegenüber der katholischen Ortskirche" - der Glockenturm von Walbersdorf, hier im Vordergrund. Foto: privat
Ein "kleines, selbstbewusstes Zeichen genau gegenüber der katholischen Ortskirche" - der Glockenturm von Walbersdorf, hier im Vordergrund. Foto: privat

Von Gott und der Welt – Michael Chalupka über protestantische Beharrlichkeit

Den schiefen Turm von Pisa kennt man. Den schiefen Turm von Walbersdorf sollte man kennen. Er erzählt die Geschichte vom Konflikt zwischen den Konfessionen, aber auch wie damit kreativ umgegangen wurde und schließlich die Geschichte der versöhnten Verschiedenheit.

Zu Zeiten der Reformation war Walbersdorf eine Hochburg der Evangelischen im Burgenland. Nach dem Toleranzpatent 1781, als sich die evangelischen Christinnen und Christen wieder öffentlich zu ihrem Glauben bekennen durften, entspann sich ein Streit, ob bei Begräbnissen von Protestanten, die Glocken der katholischen Kirche geläutet werden sollten. Es ging, so sagt man, auch ums Geld, ob fürs Geläut eine Gebühr zu entrichten wäre. Die Walbersdorfer konnten sich nicht einigen. So bauten schließlich die Evangelischen 1800 einen eigenen Glockenturm, denn niemand sollte ohne Glockenklang die letzte Reise antreten. Sie bauten ihn als kleines, selbstbewusstes Zeichen genau gegenüber der katholischen Ortskirche. Schon kurz nach seiner Errichtung neigte sich der Turm.

So steht er heute noch da, läutet zweimal am Tag und zu den Begräbnissen. Im Sommer ruft er auch zum Sommerfest. Die Walbersdorfer versammeln sich dann im Garten des Evangelischen Bethauses. Da treffen sich die Katholiken und Protestanten und beide sind stolz auf den Turm von Walbersdorf, ist er doch schiefer als der in Pisa und fällt doch beharrlich nicht um.

Michael Chalupka ist evangelischer Pfarrer und designierter Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich. Kontakt: ta.gn1574272358ave@a1574272358kpula1574272358hc.le1574272358ahcim1574272358

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ISSN 2222-2464