Der Respekt vor dem Heiligen

Interreligiöse Diskussion um das Bilderverbot

Wien (epd Ö) – „Am Anfang des Bilderverbots steht der Respekt vor dem Heiligen.“ Mit diesen Worten eröffnete der Studienleiter der Evangelischen Akademie Wien, Pfarrer Mag. Roland Ritter-Werneck, eine Podiumsdiskussion über das Bilderverbot in den Religionen am 2. März im Otto-Mauer-Zentrum in Wien.

Bei der Diskussion, die von der Evangelischen Akademie Wien, dem Katholischen Akademikerverband der Erzdiözese Wien und der Plattform für interreligiöse Begegnung veranstaltet wurde, erklärte die Historikerin Dr. Eleonore Lappin von der liberalen jüdischen Gemeinde Or Chadasch: „Heilig ist nur Gott, sonst nichts in der Welt, abgesehen von der Erfüllung seiner Gebote.“ Hinter dem Bilderverbot des Ersten Testaments stehe nach allgemeiner jüdischer Auffassung das Verbot des Götzendienstes. Unterschiede zwischen orthodoxem und nichtorthodoxem Judentum gebe es lediglich in der Frage, ob es sich um ein absolutes Bilderverbot handle oder ob es sich nur auf „geschnitzte Bilder“, also auf Götzen, beziehe. Generell gelte, dass das jüdische Bilderverbot auch ein Verbot jedes Personenkults einschließe, auch Geist und Seele, die „von Gott kommen“, dürften nicht dargestellt werden. Lappin verurteilte die dänischen Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed, da sie „beleidigen sollten und beleidigt haben“.

Der „erstarrte“ Gott

Zwischen einem „Gottesbilderverbot“ und einem „Prophetenbilderverbot“ unterschied der muslimische Islamwissenschaftler und Soziologe Mouhannad Khorchide bei der Diskussion. Gott sei absolut transzendent und ohne räumliche und zeitliche Begrenzung, er könne deshalb in einem Abbild, das Raum und Zeit unterworfen sei, nicht dargestellt werden. Im Bild „erstarre“ der dynamische Gott.

Das Verbot, den Propheten Mohammed abzubilden, stamme, so Khorchide, nicht aus dem Koran. Mit ihm hätten spätere Gelehrte versucht, einen Kult um den Propheten zu unterbinden. Dahinter stehe das Verständnis Mohammeds als eines „vollkommenen Menschen“, der in einem Bild nicht eingeengt, aber auch nicht angebetet werden dürfe. Das Prophetenbilderverbot sei im Islam nicht unumstritten, die Schiiten gingen „locker“ damit um. Entschieden sprach sich Khorchide gegen Karikaturen des Propheten aus. Auch gut gemeinte Karikaturen enthielten Ironie und kämen für den Islam nicht in Frage.

Gott als der „ganz Andere“

Das Bilderverbot aus der Sicht der reformierten Tradition erläuterte der Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche H.B., Pfarrer Mag. Thomas Hennefeld. Bei ihrer strikten Wahrung des biblischen Verbots sei es den Schweizer Reformatoren nicht um Kunstfeindlichkeit gegangen, sondern um die Sorge vor Bilderverehrung. Ulrich Zwingli habe darauf gedrungen, dass Menschen sich Gott allein geistig vorstellen sollten, für Johannes Calvin sei Gott der „ganz Andere“ gewesen, der nicht abgebildet werden könne. Auch Geschöpfe sollten, so die Schweizer Reformatoren, nicht abgebildet werden, da dies zu begrifflichen Einengungen und Vorurteilen führe. Hennefeld betonte, es gebe durchaus „reformierte Kunst“. Diese habe jedoch eher eine „Perspektive von unten“, wie dies etwa am Realismus der Werke Rembrandts deutlich werde.

Der „Umweg“ über die Bilder

„Wir haben immer eine Brille auf, durch die wir Gott anschauen“, sagte der römisch-katholische Theologe und bildende Künstler Hartwig Bischof. Bischof, der einräumte: „Katholische haben einen eher lockeren Umgang mit Bildern“, hob hervor, es gebe keine Definition von „Bild“. Ein Bild könne Akzente setzen, nicht aber die Natur unmittelbar wiedergeben. „Jedes Bild ist abstrakt, aber nicht jedes Bild ist ungegenständlich“, sagte der Theologe. In jedem Bild gebe es eine „Spannung zwischen Schöpfergott und schöpferischem Menschen“. So habe ein Kruzifix an der Wand lediglich Verweischarakter. Da Jesus abwesend sei, müssten Menschen sich eine Vorstellung von ihm machen. „Nur über diesen Umweg können wir denken“, sagte der Referent. Mit Beispielen aus der abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts machte Bischof auch deutlich, dass Bilder selbst das christliche Bilderverbot umgehen könnten: „Sie zeigen etwas und verdecken gleichzeitig den Blick auf das Gezeigte.“

ISSN 2222-2464