Der Mensch hat Anspruch auf Gerechtigkeit

Ein Studientag analysierte das gesellschaftspolitische Wirken des Theologen Wilhelm Dantine.

Wien, 16. Jänner 2002 (epd Ö) „Ich bin stolz darauf, evangelischer Christ zu sein, gerade in Österreich, wo die kleine evangelische Kirche den Mut hat, zu gesellschaftspolitischen Fragen klar und bestimmt Stellung zu beziehen. Das verdanken wir der Wirkung Wilhelm Dantines.“ Das erklärte der Präsident des Jugendgerichtshofes Wien, Hon.Prof. Dr. Udo Jesionek, bei einem Studientag zum Lebenswerk des 1981 verstorbenen Wiener Professors für Systematische Theologie Wilhelm Dantine am 12. Jänner im Wiener Theologenheim. Jesionek, der zugleich Obmann des Evangelischen Gustav-Adolf-Vereins in Österreich ist, verwies auf die Unterbringung illegal nach Österreich eingereister Flüchtlinge in evangelischen Pfarrgemeinden und sagte: „Wenn man der Meinung ist, dass eine staatliche Norm gegen das Gewissen und gegen die eigene Glaubensüberzeugungen steht, kann diese Norm gebrochen werden.“

Der Jurist plädierte für die Ersetzung des Begriffs „Sühne“ durch den Begriff „Versöhnung“ im Strafrecht und bedauerte: „Hier haben viele meiner christlichen Mitbrüder und Mitschwestern eine harte Position entgegen wichtigen Elementen christlicher Verkündigung, wie sie etwa in der Vaterunserbitte „… wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ zum Ausdruck kommen. Auch in der Rechtsprechung stehe dem Projekt der „Diversion“, der Möglichkeit gütlicher Einigung zwischen Opfer und Täter bei geringfügigen Vergehen, der Begriff des „absoluten Strafrechts“ entgegen. Das absolute Strafrecht werde noch immer von zahlreichen Richtern vertreten.

Zur Auseinandersetzung zwischen dem Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes, Dr. Ludwig Adamovich, und dem Kärntner Landeshauptmann, Dr. Jörg Haider, betonte Jesionek: „Das derzeitige Klima lässt den Eindruck entstehen, dass Richter nach ihren weltanschaulichen Voraussetzungen urteilen. Das macht kein Richter!“

Oberkirchenrat Kauer: Österreich wurde von der Aufklärung nie erreicht

Dass der Theologe Dantine auch an der Strafrechtsreform des damaligen Justizministers Dr. Christin Broda mitgewirkt habe, berichtete der Leiter der Straflegislativsektion im Bundesministerium für Justiz, Sektionschef Dr. Roland Miklau. Nach Auffassung Dantines habe der Mensch kraft göttlicher Liebe Anspruch auf Gerechtigkeit. So habe Dantine in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs die Fristenlösung befürwortet, da diese den betroffenen Frauen den nötigen Bewegungsspielraum ihrer Mitbestimmung gewährleiste. Dantine habe jedoch die Fristenregelung lediglich als Flankierung sozialpolitischer Maßnahmen verstanden, die Mut zur Mutterschaft und Mut zum Kind ermöglichen sollten.

Oberkirchenrat MMag. Robert Kauer verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass der Juristische Arbeitskreis der Evangelischen Akademie, dem Wilhelm Dantine angehört habe, aus Vertretern sehr unterschiedlicher rechtstheoretischer Auffassungen zusammengesetzt gewesen sei. Wohl gerade deshalb sei die Stellungnahme des Arbeitskreises zur Broda-Reform von der Evangelischen Kirche in Österreich weithin akzeptiert worden. Im Übrigen seien viele unverständliche Haltungen in der Debatte über Rechtsverständnis und Schwangerschaftsabbruch „ein Phänomen der Gegenreformation“. Österreich sei von der habsburgischen Gegenreformation tief geprägt und von der Aufklärung nicht erreicht worden, so der Jurist und Theologe Kauer.

Professor Lüthi: „Geist kann nicht von Politik getrennt werden.“

„Dantine suchte eine Balance zwischen Gesetz und Evangelium. Diese Balance impliziert einen Trend zur Humanisierung.“ So fasste em. Univ. Prof. Dr. Kurt Lüthi das rechtstheologische Anliegen seines langjährigen Kollegen an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien zusammen. Lüthi, der gemeinsam mit dem Wiener Kirchenrechtler Univ.-Prof. Dr. Karl Schwarz den Studientag leitete, hob hervor, für Dantine sei das schöpferische Handeln des Menschen die Antwort auf Gottes Zusage der Befreiung. Dieses Handeln sei „auf die Veränderung der Gesellschaft hin angelegt.“ Auch Geist und Tat seien für Dantine verbunden gewesen. „Darum“, so erläuterte Lüthi, „kann auch Geist nicht von Politik abgetrennt werden. Vorbild war für Dantine Jesus in seiner Solidarisierung mit Außenseitern der Gesellschaft“. In einer seiner Schriften habe Dantine die kirchlichen Institutionen gefragt: „Wäre es im Grunde der Kirche Christi angemessen, jeweils den Zeitgenossen eher eine Nasenlänge voraus als zehn Nasenlängen zurück zu sein?“

ISSN 2222-2464