Demograph Lutz: „Bildungspolitik ist moderne Sozialpolitik“

Die Weltbevölkerung werde nach Schätzung der Demographen bis zum Jahr 2100 auf etwa neun bis zwölf Milliarden Menschen anwachsen. Sozialstatistiker Wolfgang Lutz sieht dennoch positiv in die Zukunft. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)
Die Weltbevölkerung werde nach Schätzung der Demographen bis zum Jahr 2100 auf etwa neun bis zwölf Milliarden Menschen anwachsen. Sozialstatistiker Wolfgang Lutz sieht dennoch positiv in die Zukunft. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)

Auswirkungen des Bevölkerungswachstums von Bildungsgrad abhängig

Wien (epdÖ) – Gibt es zu viele Menschen? Erleben wir einen „Population Boom“, also eine Bevölkerungsexplosion? Und lässt sich die Überbevölkerung der Erde noch aufhalten? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der „Pädagogische Salon“ der Evangelischen Akademie Wien am 19. März in Wien. Zu Gast war der Demograph Wolfgang Lutz, Direktor des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Professor für Sozialstatistik an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Lutz geht davon aus, dass die Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten auf rund neun Milliarden Menschen anwachsen werde. Er räumt aber ein, dass es eine gewisse Schwankungsbreite gibt, was die Vorhersagen betrifft. So könne man etwa die Entwicklung der Lebenserwartung der Menschen nicht voraussagen. Hier gäbe es zwei Thesen: Die eine besagt, dass in Westeuropa mit einer Lebenserwartung von rund 80 Jahren das Maximum ausgeschöpft sei, die andere besagt, dass die Entwicklung der Lebenserwartung weiterhin so linear verlaufen werde wie bisher und Menschen im Jahr 2100 bis zu 120 Jahre alt würden.

Ganz gleich wie sich die Zahlen entwickeln werden, zeigte sich Lutz davon überzeugt, dass Bildung zunehmend wichtiger werde beziehungsweise schon heute eine enorm wichtige Rolle spiele. Bessere Bildung könne einerseits das Bevölkerungswachstum verlangsamen, da gebildete Frauen weniger Kinder bekommen. Auf der anderen Seite käme es so zu einem qualitativen Wachstum. Die Lebensumstände der Menschen würden sich aufgrund besserer Bildung wesentlich verändern, die Lebenserwartung würde steigen, ihr subjektives Gesundheitsgefühl würde sich erhöhen. „Bildungspolitik ist die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts“, resümierte der Wissenschaftler.

Bezogen auf Österreich sieht Lutz in der Zunahme der älteren Bevölkerung kein allzu großes Problem. Zwar gäbe es in Zukunft mehr alte Menschen, doch auch hier spiele Bildung wieder eine zentrale und wichtige Rolle. „Studien zeigen, dass gebildete Menschen im Alter weniger Pflege und diese auch erst viel später brauchen als weniger gebildete Menschen. So werden wir zwar in ein paar Jahrzehnten mehr ältere Menschen in der Gesellschaft haben, als dies heute der Fall ist. Diese werden aber durch die zunehmend bessere Bildung weniger pflegebedürftig sein“, so Lutz.

Ob es in ein paar Jahrzehnten, wenn die Weltbevölkerung auf neun bis 12 Milliarden angestiegen ist, genug Ressourcen wie etwa Lebensmittel für alle geben wird, ließe sich heute nicht mit Sicherheit sagen, er sei aber durchaus zuversichtlich. „Würde man im Südsudan mit mittlerem Input – ich meine also nicht eine intensive Landwirtschaft, wie sie bei uns in Österreich betrieben wird – Landwirtschaft betreiben, könnte man eine Milliarde Menschen ernähren. Es gibt also Ressourcen“, betonte Lutz.

Allerdings könne es ein Problem mit Abfällen geben, die dann anfallen würden, darunter auch CO2. „Ich bin ja fast überall optimistisch, dass auf der Welt fast alles besser wird. Nur beim Klimawandel, dass der noch aufhaltbar ist, da bin ich skeptisch“, sagt der Demograph. Es gäbe aber auch hier eine gute Nachricht: „Der Mensch hat die Mittel, um sich daran anzupassen. Aber es wird Änderungen geben, die uns herausfordern werden.“

Das anschließende Publikumsgespräch wurde von Michael Bubik, Rektor der „Diakonie Eine Welt“ und Geschäftsführer der Bereiche „Diakonie Flüchtlingsdienst“, „Diakonie Bildung“, „Diakonie Katastrophenhilfe“ und „Brot für die Welt“, moderiert.

ISSN 2222-2464