Dantine: mehr Wertschätzung für Altes Testament

"Ein Gefälle in der Wertigkeit zwischen Alten und Neuen Testament verdunkelt die Wichtigkeit, welche die Schriften der jüdischen Bibel für die Anfänge des Christentums hatten", erklärte Superintendent Olivier Dantine bei einem Referat am Vorabend des "Tags des Judentums" in Innsbruck. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)
"Ein Gefälle in der Wertigkeit zwischen Alten und Neuen Testament verdunkelt die Wichtigkeit, welche die Schriften der jüdischen Bibel für die Anfänge des Christentums hatten", erklärte Superintendent Olivier Dantine bei einem Referat am Vorabend des "Tags des Judentums" in Innsbruck. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)

Superintendent übt Kritik an Perikopenordnung

Innsbruck (epdÖ) – Für eine Aufwertung des Alten Testaments in der Kirche sprach sich der Superintendent von Salzburg-Tirol Olivier Dantine bei einem Vortrag im Haus der Begegnung in Innsbruck am 16. Jänner aus. „Die Bibel ist ein Ausdruck für die enge Verbundenheit mit dem Judentum. Das gilt selbstverständlich für das von uns so genannte Alte Testament. Aber es gilt auch für das Neue Testament, das genau genommen auch ein jüdisches Buch ist“, erklärte Dantine am Vorabend des „Tages des Judentums“, den die christlichen Kirchen seit vielen Jahren begehen.

TheologInnen und PfarrerInnen würden dem Alten Testament nicht gerecht, wenn sie es ausschließlich als Folie sehen, hinter der die Botschaft des Neuen Testaments umso strahlender scheine. Auch eine Auslegung nach dem „Verheißung-Erfüllung-Schema“ –  also die Überzeugung, dass die Verheißungen des Alten Testaments allein auf Christus hindeuten – greife zu kurz. „Wenn daraus aber die Umkehrung gemacht wird, wenn also den alttestamentlichen Texten nur dahingehend eine Berechtigung zugesprochen wird, insofern sie das Geschehen um Jesus Christus voraussagen, dann wird die jüdische Bibel instrumentalisiert und gleichzeitig wiederum abgewertet“, so Dantine.

In Anlehnung an den Theologen Frank Crüsemann sieht der Superintendent, der unter anderem in Jerusalem studiert hat und seit vielen Jahren im christlich-jüdischen Dialog engagiert ist, das Alte Testament als „Wahrheitsraum“ des Neuen. „So gilt nicht: Ich lese das Alte Testament als Vorläufer des Neuen, ich lege das Alte Testament im Licht des Neuen aus und wähle dafür auch nur die Texte aus, die auf die Botschaft des Neuen Testaments hinweisen, sondern eben umgekehrt: Ich sehe die ganze Bibel als Einheit und verstehe das Neue Testament als in den Raum hineingeschrieben, den das Alte Testament bereits aufspannt.“

Kritik übt Dantine an der Praxis der Evangelisch-lutherischen Kirche im Umgang mit dem Alten Testament. Dieses würde in der Perikopenordnung, in der festgehalten ist, welcher biblische Text an den einzelnen Sonntagen gepredigt wird, zu wenig Beachtung finden. „Wenn also jemand behauptet, das Alte Testament friste in den lutherischen Gottesdiensten nur ein Schattendasein – dem wird man nicht viel entgegensetzen können.“ Dantine hofft aber auf die neue Perikopenordnung, die bis zum Reformationsjubiläum 2017 fertiggestellt werden soll: Hier sei der Anteil an alttestamentlichen Predigttexten höher.

ISSN 2222-2464