Christliches Gedenken an Novemberpogrome

Auch heuer erinnern wieder mehrere christliche und jüdische Organisationen gemeinsam an die Novemberpogrome vor 78 Jahren. Foto: epd/Uschmann
Auch heuer erinnern wieder mehrere christliche und jüdische Organisationen gemeinsam an die Novemberpogrome vor 78 Jahren. Foto: epd/Uschmann

Gedenkgottesdienst mit Superintendent Dantine am 9. November in Wien

Wien (epdÖ) – Zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Novemberpogrome des Jahres 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Wien veranstalten auch heuer wieder mehrere christliche und jüdische Organisationen gemeinsam die „Bedenktage“-Reihe „Mechaye Hametim – Der die Toten auferweckt“. In Erinnerung an die Ereignisse am 8./9. November vor 78 Jahren finden von 26. Oktober bis 16. November zahlreiche Veranstaltungen statt. Im Zentrum steht ein ökumenischer Gottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche am 9. November um 19.00 Uhr. „Worte des Gedenkens“ spricht dabei der evangelische Superintendent von Salzburg und Tirol, Olivier Dantine, anschließend ist ein Schweigegang zum Mahnmal für die jüdischen Opfer der Shoa auf dem Judenplatz vorgesehen.

In der Nacht von 9. auf 10. November 1938 wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen zerstört und verwüstet. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden im Zuge des Furors insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser zerstört. 6547 Wiener Juden kamen in Haft, knapp unter 4000 von ihnen wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Brisanz verspricht der Abend am 3. November: Ab 19 Uhr ist im Otto-Mauer-Zentrum (Währinger Straße 2–4, 1090 Wien) ein Vortrag des Rechtsextremismusforschers Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes über „Antisemitismus im Netz“ geplant. Insbesondere neonazistisch und islamistisch motivierte Vorurteile und Hassparolen seien im Internet ein Problem, heißt es in der Ankündigung.

„‚Ich war doch nicht dabei!‘ Welche Verantwortung tragen wir heute?“: Unter diesem Titel wird am 8. November ab 15.30 Uhr im Christlich-jüdischen Informationszentrum (Tandelmarktgasse 5, 1020 Wien, Gassenlokal) von Andreas Peham und der Buchautorin Ruth Steiner ein oft gehörter Einwand gegen Erinnerungskultur analysiert.

Warum lässt Gott so viel Leid zu?“

Am selben Tag widmet sich der Wiener Dogmatikprofessor Jan Heiner Tück um 19 Uhr im Otto-Mauer-Zentrum einem theologischen „Dauerproblem“ vor dem Hintergrund der Shoa: „Warum lässt Gott so ein unbeschreibliches Leid zu?“ Tück greift Fragen auf, denen sich die christliche Theologie nach Auschwitz zu stellen habe: „In welchem Verhältnis steht die Passion des Gekreuzigten zum Leiden der jüdischen Opfer? Wie steht es um die Täter? Lässt sich nach der Shoa die Hoffnung auf Versöhnung aufrechterhalten?“

Weitere Veranstaltungen nach dem Jahrestag der Pogrome: Am 10. November lädt Sarah Egger vom Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Verständigung zu einem Stadtspaziergang von 14.30 bis 17.30 Uhr: Gezeigt wird dabei „Jüdisches Leben abseits von Friedhof und Synagoge“.

Am 14. November präsentiert „Furche“-Religionsjournalist und Filmexperte Otto Friedrich um 18 Uhr im Otto-Mauer-Zentrum den ausgezeichneten Spielfilm „Son of Saul“ (2015) des ungarischen Regisseurs László Nemes und beleuchtet anschließend die Frage: „Kann die Shoa heute gezeigt werden?“

Am 16. November schließlich geht es um 18.30 Uhr im Wiener Curhaus am Stephansplatz 3 um „Das geistliche Testament von P. Christian de Chergé“ – jenes aus dem preisgekrönten Film „Von Menschen und Göttern“ (2010) bekannten französischen Trappisten und Prior des Klosters in Tibhirine (Algerien), der zusammen mit sechs Mitbrüdern 1996 ermordet wurde. Seine hinterlassenen Schriften zählen mittlerweile zu den Klassikern der zeitgenössischen spirituellen Literatur; vorstellen wird sie Christoph Benke von der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten.

Gemeinsam getragen wird die Veranstaltungsreihe von der Gemeinde St. Ruprecht, der Evangelischen Akademie und der Evangelischen Hochschulgemeinde Wien, der Wochenzeitung „Die Furche“, dem Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung, dem Forum Zeit und Glaube des Wiener Katholischen Akademikerverbandes, der Katholischen Aktion Österreich, dem Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, den Theologischen Kursen und dem Kardinal König-Haus.

Infos zu allen Veranstaltungen: www.ruprechtskirche.at; www.christenundjuden.org

ISSN 2222-2464