Christlich getauft, als Juden verfolgt – Ausstellung in Graz

Forschungsprojekt rückt marginalisierte Opfergruppe ins Licht – Schau bis November in evangelischer Heilandskirche

Graz (epd Ö) – Mit dem Schicksal jener Grazer, die vom Judentum zum Protestantismus konvertiert und trotzdem dem NS-Terror ausgeliefert waren, beschäftigt sich die Ausstellung „So dass uns Kindern eine durchwegs christliche Umgebung geschaffen war“ in der Grazer Heilandskirche. Die vom Centrum für Jüdische Studien (CJS) der Universität Graz gemeinsam mit SchülerInnen erarbeitete Schau vergegenwärtigt ein bisher kaum beachtetes Kapitel der Geschichte der ersten Grazer evangelischen Gemeinde.

 

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich wurde 1938 auch in der Grazer Heilandskirche und ihrer evangelischen Gemeinde euphorisch begrüßt. Der Grazer Historiker Gerald Lamprecht vom CJS belegt das u.a. mit Dokumenten, die die Gläubigen dazu auffordern, für den „Anschluss“ zu stimmen und anlässlich eines Festgottesdienstes neben dem „Deutschlandlied“ auch das „Horst-Wessel-Lied“ zu singen. „Pfarrer und führende Per-sönlichkeiten waren überwiegend dem Deutschnationalismus verpflichtet“, so die Ausstellungsmacher lapidar.

 

Für die zum Protestantismus konvertierten Juden bedeutete die Machtübernahme, dass sie und ihre Kinder wie die jüdische Bevölkerung den nationalsozialistischen Unrechtsgesetzen und somit der Verfolgung ausgesetzt waren. Ihren Lebensgeschichten wird in der aktuellen Ausstellung, für die Heilandskirche vor zwei Jahren ihr Archiv uneingeschränkt geöffnet hat, nachgegangen.

 

Laut der Volkszählung vom Mai 1939 lebten im „Reichsgau Steiermark“ 1261 Menschen, die nach NS-Nomenklatur als „Juden“, „Mischlinge 1. Grades“ und „Mischlinge 2. Grades“ geführt wurden. „Rund 100 von ihnen sind zwischen 1880 und 1933 zum protestantischen Glauben konvertiert“, so Projektmitarbeiter Heimo Halbrainer. Ihr weiteres Schicksal war vielfältig. Das Spektrum reichte vom Überleben in „geschützten Ehen“ über die Flucht – wie sie z.B. dem Leiter des steirischen Schriftstellerbundes, Joseph Otto Lämmel, gelungen ist – bis zur Einweisung und Ermordung in Konzentrationslagern.

 

Eingebettet in die Geschichte der jüdischen Gemeinde und der evangelischen Gemeinde der Heilandskirche wurden im Rahmen des vom Wissenschaftsministerium geförderten Projektes Schicksale einzelner Gemeindemitglieder recherchiert und in der textbetonten Ausstellung sichtbar gemacht. Daneben wird auch die Frage gestellt, welche Rolle die Kirchenleitung in dem Prozess der Ausgrenzung und Verfolgung eingenommen hat. „Die Hilfe war spärlich bis weitgehend vernachlässigbar“, so Lamprecht.

 

„Aus der damaligen Gemeinde sind Menschen ‚verschwunden‘, es ist gut, wenn die Gemeinde heute hinschaut“, sagte Pfarrerin Ulrike Frank-Schlamberger bei der Eröffnung der Ausstellung am Dienstagabend, 12. Oktober. Die Pfarrerin der Heilandskirche zeigte sich „stolz, dass die Pfarrgemeinde für dieses Projekt ausgesucht wurde“. Die Pfarrgemeinde habe sich ihrer „Verstrickung mit dem Nationalsozialismus“ gestellt. Frank-Schlamberger erinnerte daran, dass „TheologInnen dieser Gemeinde bahnbrechend in der Erforschung und Thematisierung des theologischen Antijudaismus“ waren und sich intensiv im jüdisch-christlichen Dialog engagierten.

 

„So dass uns Kindern eine durchwegs christliche Umgebung geschaffen war – Die Heilandskirche Graz und ihre ‚Judenchristen‘ zwischen 1880 und 1955“, Heilandskirche, Kaiser-Josef-Platz 9, 8010 Graz. Bis zum 28. November, Mo – So 8.00 bis 18.00 Uhr. Im Verlag des Grazer Geschichtsvereins „Clio“ erscheint eine rund 200-seitige Dokumentation zum Forschungsprojekt.

ISSN 2222-2464