Burgenland: Frauenarbeit lud zum ersten Frauenmahl

Gastgeberinnen und TischrednerInnen: v.l: Susanna Hackl, Michaela Resetar, Dagmar Schellenberger, Annemarie Reiss, Pannoneum-Direktorin Ruth Ankerl, Superintendent Manfred Koch, Verena Dunst, Henning Schluß, Ingrid Tschank und Hannelore Horak. Foto: epd/DasekGastgeberinnen und TischrednerInnen: v.l: Susanna Hackl, Michaela Resetar, Dagmar Schellenberger, Annemarie Reiss, Pannoneum-Direktorin Ruth Ankerl, Superintendent Manfred Koch, Verena Dunst, Henning Schluß, Ingrid Tschank und Hannelore Horak. Foto: epd/Dasek
Gastgeberinnen und TischrednerInnen: v.l: Susanna Hackl, Michaela Resetar, Dagmar Schellenberger, Annemarie Reiss, Pannoneum-Direktorin Ruth Ankerl, Superintendent Manfred Koch, Verena Dunst, Henning Schluß, Ingrid Tschank und Hannelore Horak. Foto: epd/Dasek

Vorsitzende Hackl: Praxis der Tischreden aus der Zeit Luthers aufgreifen

Neusiedl am See (epdÖ) – Zum ersten „Frauenmahl“ lud die Evangelische Frauenarbeit Burgenland am Donnerstagabend, 26. März, ins Pannoneum nach Neusiedl am See. Im Jahr der Bildung 2015 wolle man damit die Praxis der Tischreden aus der Zeit Luthers aufgreifen und die Gemeinschaft und Kommunikation am Tisch in den Mittelpunkt stellen, erklärte Vorsitzende Susanna Hackl vor den rund 80 geladenen Gästen. Ein gemeinsames Essen bleibe heute für viele Familien ein „unerreichbarer Traum“, etwa wann beide Elternteile im Schichtdienst arbeiten. „Es scheint, der Schreibtisch des Einzelnen hat den Esstisch der Gemeinschaft abgelöst“, so die Vorsitzende.

Die Frauenarbeit hatte den Abend unter den Titel „Gute Bildung – Gutes Leben?!“ gestellt. In Tischreden zwischen den Gängen des festlichen Menüs sprachen Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen beruflichen Perspektiven zum Thema. Bildungswissenschaftler Henning Schluß vermisst Bildungsgerechtigkeit im heutigen Bildungssystem. Die Schule verschärfe die Bildungsungerechtigkeit, ungleiche Startchancen würden einzementiert. „Schule verfehlt derzeit den zentralen Auftrag der Bildungsgerechtigkeit“, konstatiert der Vorstand des Instituts für Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Universität Wien. Zu einem anderen Befund kam Landesrätin Verena Dunst. Vor allem Frauen hätten in den letzten Jahrzehnten Bildungschancen „gut genützt“. Österreich stehe bei den Themen Bildung, Beschäftigung und sozialer Absicherung „gut da“, meinte die Landesrätin. Neben Bildung sei heute vor allem soziale Kompetenz gefragt. Dunst: „Schauen wir auf Menschen, denen es nicht so gut geht!“

Landesrätin Michaela Resetar kam auf die Mehrfachbelastung zu sprechen, der vor allem berufstätige Frauen ausgesetzt sind. Hier brauche es „Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit“, riet das Mitglied der burgenländischen Landesregierung. Statt Quantität gehe es dabei um die Qualität der Zeit, und Zuwendung brauche Achtsamkeit. Vor allem aber dürfe Multitasking „nicht als Talent“ gesehen werden, warnte Resetar.

Eine Lanze für das lebenslange Lernen brach die Bautechnikerin und langjährige Prüferin im Rechnungshof Hannelore Horak. „Wir müssen das Lernen wieder lernen“, sagte die frühere Ministerialrätin. Lebenslanges Lernen ermögliche die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Der Verzicht darauf führe in die Isolation und Abhängigkeit. Wissen könne nicht übertragen werden, sondern müsse durch eigene Initiative in jedem neu geschaffen werden, „warten wir nicht darauf, bis uns jemand etwas beibringt“.

Auf Lebenskrisen kam die Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums Burgenland Annemarie Reiss zu sprechen. Bildung müsse die Voraussetzungen liefern, damit Menschen in Krisensituationen nicht hilflos seien. Dazu gehöre auch das Bewusstsein, dass Unsicherheiten zum Leben gehören. In ihrer Arbeit für Frauen, die familiärer Gewalt ausgesetzt ausgesetzt sind, hat Reiss erfahren, wie wichtig sichere Häfen und Zufluchtsmöglichkeiten sind: „Bindung ist dann wichtiger als Bildung.“ Dabei gehe es darum, den Betroffenen Schutz und Sicherheit zu bieten und ihnen zu vermitteln, dass sie „wertvoll und liebenswert sind“. Diese Hilfe können nicht nur Beratungsstellen leisten, es gebe viele Ressourcen im persönlichen Umfeld oder in einer Gemeinde. Dennoch sollte es „selbstverständlicher“ werden, in Krisensituationen auch professionelle Hilfe anzunehmen, wünscht sich die Expertin.

Die Intendantin der Seefestspiele Mörbisch, Dagmar Schellenberger, erinnerte an große Künstlerinnen, denen es in früheren Jahrhunderten nicht gestattet war, sich zu ihrem Werk zu bekennen. Heute, so Schellenberger, sei sie froh in einer Gesellschaft zu leben, in der jeder Weg zu Kultur und Bildung offen stehe, auch wenn „nicht alles ideal“ sei. Denn „Kunst und Bildung bilden ein enges Band“, zeigte sich die Intendantin überzeugt.

Bildungsgerechtigkeit stellte Ingrid Tschank, Pfarrerin in Gols und Vizepräsidentin der Synode der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, in den Mittelpunkt ihres Statements. Dabei gehe es nicht um „Bildung nur für Begabte“, denn Bildungsgerechtigkeit müsse alle einschließen, „auch gerade die, die nicht so große Chancen haben“. Im Menschen, der nach Gottes Ebenbild geschaffen sei, sei eine Vielfalt an Begabungen angelegt. Diese gelte es individuell zu fördern. Auch die Kirche selbst und ihre Institutionen sollten hinterfragen, wo in ihren Bereichen Bildungsgerechtigkeit fehle, etwa bei der verwendeten Sprache oder bei der Definition der Zielgruppen, an die sich die Angebote richten. Als positives Beispiel nannte Tschank in diesem Zusammenhang einen Deutschkurs für Pflegerinnen, den ehrenamtliche MitarbeiterInnen am eigenen Ort anbieten.

Beim ersten Frauenmahl wurde den Gästen ein mehrgängiges Menü mit regionalen Spezialitäten dargeboten, das der dritte Jahrgang der Tourismusschule im Pannoneum vorbereitet hatte. Für die musikalische Umrahmung sorgte Elfi Berecz am Klavier. Die Spenden des Abends kamen dem Solidaritätsfond „Frauen in Not“ zu Gute.

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ISSN 2222-2464