Bundespräsident Fischer: Europäische Landkarte durch Reformation geprägt

„Die Evangelische Kirche steht auf der Seite des Humanismus und der Menschenrechte“

Wien, 27. Oktober 2005 (epd Ö) – Als einen „Versuch, Kritik als positiven Beitrag zu einem Gemeinwesen anzuerkennen“ hat Bundespräsident Dr. Heinz Fischer die Reformation bezeichnet. In einem Vortrag „Gedanken zum Beitrag des Protestantismus für das moderne Europa“, den er am 27. Oktober beim Empfang zum Reformationsfest der Evangelischen Kirche A. und H.B. in Österreich hielt, sagte der Bundespräsident vor 300 geladenen Gästen aus Kirche, Ökumene und Politik im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: „Die europäische Landkarte wurde durch die Reformation nachhaltig und bis heute prägend gestaltet.“

Als wichtigste politische Folgewirkungen der Reformation nannte Fischer die Trennung von Staat und Kirche und die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaften. Die Trennung von Staat und Kirche habe sich bewährt, so der Bundespräsident, auch wenn sie nicht immer lückenlos durchgeführt worden sei. Die von der Reformation eingeleitete Säkularisierung ermögliche zugleich auch religiösen Pluralismus.

Luthers Bibelübersetzung bereitete Mündigkeit des Bürgers vor

Auch die deutsche Aufklärung sei eine Folge der Reformation. Luthers Bibelübersetzung habe dem Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, Vorschub geleistet. Der Bundespräsident: „Der mündige Bürger war zunächst ein mündiger Leser.“

Kritisch vermerkte Fischer, dass sich im Laufe der Geschichte auch Nationalismus und Antisemitismus mit der Reformation verbunden hätten. Allerdings, so Fischer: „Es gab auch einen mutigen und entschiedenen Widerstand gegen Hitler.“ Der Bundespräsident erinnerte in diesem Zusammenhang an den deutschen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer.

Reformation fördert „Tendenz zu flachen Hierarchien“

Zur Rolle des Protestantismus im heutigen Europa sagte Fischer, die evangelischen Kirchen, insbesondere in der ehemaligen DDR, hätten einen großen Beitrag zum Zusammenbruch des Kommunismus geleistet. Auf Grund ihrer Ethik kennzeichne die Reformation auch den Beginn einer Entwicklung, an deren Ende der Mensch stehe, der in seiner Arbeit Erfüllung findet. Ebenso habe die Reformation „die Tendenz zu flachen Hierarchien vorangebracht“.

Der Bundespräsident dankte in seiner Rede der Evangelischen Kirche in Österreich, „dass sie an der guten Entwicklung unserer Republik so tatkräftig mitarbeitet“ und „dass sie auf der Seite des Humanismus und der Menschenrechte steht“.

ISSN 2222-2464