Bünker warnt vor Schlussstrich-Mentalität

„Warum dauert es so lange, bis Dokumente über Nazi-Verbrechen veröffentlicht werden?“, fragt der evangelische Oberkirchenrat im „Furche“-Kommentar.

Wien, 8. Jänner 2003 (epd Ö) Vor einer Schlussstrich-Mentalität in Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen hat der evangelische Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker gewarnt. In seiner Kolumne der katholischen Wochenzeitung „Die Furche“ erinnerte Bünker an einen geheimen Funkspruch „… zusammen 1274166“, den der britische Geheimdienst vor genau 60 Jahren aufgefangen hat. Erst im Jahr 2000 konnte der Funkspruch entschlüsselt werden: SS-Sturmbannführer Hermann Höfle informierte darin Adolf Eichmann über den Fortgang der Massentötung polnischer Juden und lieferte damit den Beweis für das grauenhafte Geschehen in den Vernichtungslagern. Bünker: „Ein Beleg für die Bürokratie des Massenmordes“.

Der Salzburger Höfle, ein Haupttäter des Holocaust, wurde im Zuge des Eichmann-Prozesses erst 1961 verhaftet und beging dann Selbstmord. „Mich beunruhigt noch heute die Geschichte des Hermann Höfle und der Verfolgung der Nazi-Verbrecher nach 1945 und die überdurchschnittliche Beteiligung von Österreichern an den Verbrechen“, schreibt Bünker. Beides sind für den Oberkirchenrat deutliche Argumente gegen die Schlussstrich-Mentalität, die von Mitgliedern der schwarz-blauen Regierung vertreten wurde. Bünker: „Am meisten beunruhigt mich allerdings die Tatsache, dass 60 Jahre vergehen, bis solche Dokumente veröffentlicht werden. Warum so lange? Und: Was wird da noch kommen?“

ISSN 2222-2464