Bünker: Tendenz, die Juden zu belasten

„Blut und Wunden“: Podiumsdiskussion zu Mel Gibsons „Die Passion Christi“ im Wiener Albert-Schweitzer-Haus

Wien, 24. März 2004 (epd Ö) „Der Film verfolgt die Tendenz, dass die Juden zunehmend belastet und die Römer zunehmend entlastet werden“, sagte Hon. Prof. Dr. Michael Bünker, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, bei der Podiumsdiskussion „Blut und Wunden“ über Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“ am 22. März im Wiener Albert-Schweitzer-Haus. An dem Abend nahmen neben Bünker der Kantor der Israelitischen Kultusgemeinde in Graz und Vizepräsident des jüdisch-christlichen Koordinierungsausschusses, Richard Ames, Birgit Flos von der Wiener Filmakademie, Dr. Helmut Krätzl, Weihbischof der Erzdiözese Wien, und Claus Philipp von der „Standard“-Kulturredaktion teil. Moderiert wurde die Diskussion von Hubert Feichtlbauer.

Der erste Eindruck Bünkers bei der Vorpremiere von Gibsons Werk: „Als Film ist er nicht originell.“ Durch die Ausdehnung der Gewaltszenen sei bei ihm „ein Widerwillen ausgelöst“ worden. Zweihundert Jahre kritischer Bibelwissenschaft seien „spurlos“ an dem Film vorübergegangen, bemerkte der Oberkirchenrat, der den Film als „deutlichen Rückschlag für alle Bemühungen im christlich-jüdischen Gespräch“ bezeichnete. Für Bünker ist der Film „antisemitisch“: „Wenn es stimmt, dass Antisemitismus die Begleitkrankheit des christlichen Antijudaismus ist, dann merkt der Kranke es oft nicht.“

Ames bezeichnete „Die Passion Christi“ als „sadomasochistische Gewaltorgie, die meine Religion beleidigt und auch die christliche Religion beleidigt, – das ist für mich das Traurigste“. Seiner Meinung nach diene der Film nur dazu, dass Gibson „damit Geld verdient.“ Für den Kantor ist es „furchtbar, dass Leute sich an solchen Dingen weiden“.

Die Filmexpertin Flos ordnete Gibsons Werk als „mittelmäßigen Actionfilm“ ein. Sie habe „die Gewaltszenen nicht besonders schockierend“ empfunden. Was sie an diesem Film „unangenehm“ berühre, wäre „der Verdacht“, der Film gäbe „das Versprechen eines snuff-movies mit dem besonderen Kick, dass das nicht an irgendeinem Menschen gezeigt wird, sondern an diesem Religionsgründer.“ Die besondere Schnitttechnik der Gewaltszenen nannte sie „eine Überwältigungsstrategie“.

Weihbischof Krätzl habe der Film „furchtbar schockiert“. Seiner Meinung nach trage der Film dazu bei, „den Glauben eher zu stören“ und „ein falsches Gottesbild“ zu vermitteln. Als „interessant“ bezeichnete der Weihbischof den Umstand, dass der Film in sehr konservativen katholischen Kreisen „sehr viel Lob erfährt“, und dass „alle die, die den Film kritisieren, schon ein bisschen an den Rand des rechten Glaubens gestellt“ werden. Er warf Gibson vor, dass er „offenbar nicht fähig“ sei, „die Bibel richtig zu interpretieren“ und der „wirkliche Jesus Christus ohne Auferstehung gar nicht denkbar ist“. Philipp ordnete Gibsons Film ebenfalls in die „Kategorie des Actionfilms“ ein und kritisierte die flaue Machart. Der Film diskriminiere „jeden Zuschauer in seiner Intelligenz“, meinte der Kulturjournalist.

ISSN 2222-2464