Bünker: Religionen sind Teil der Lösung, nicht des Problems

„Reden über Europa“ im Burgtheater

Wien (epd Ö) Eine Religion, die „recht verstanden und gelebt“ wird, leistet einen wichtigen Beitrag für den Dialog und die Integration Europas. Diese Meinung vertrat der evangelisch-lutherische Bischof und Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Dr. Michael Bünker, bei der Diskussionsveranstaltung „Reden über Europa – Europa der Religionen“ am Sonntag, 24. Februar, im Burgtheater in Wien. Über die Rolle der Religionen im zusammenwachsenden Europa diskutierten neben Bünker der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit, die Ethnologin Halleh Ghorashi und der Islamwissenschafter Tariq Ramadan. Moderiert wurde das Gespräch von Gerfried Sperl (Der Standard).

Bünker plädierte dafür, Religionen nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung zu sehen. In diesem Zusammenhang erinnerte der Bischof, dass in Wien im Jänner die fünf großen Religionen gemeinsam ihre Position in der Frage der Integration dargelegt hatten.

Für den Generalsekretär der protestantischen Kirche in Europa ist dieser Kontinent weder durch seine geografischen Grenzen noch durch die Werte der Aufklärung und bürgerlichen Revolution vollständig zu beschreiben, vielmehr müsse Europa „unterscheidbar zu seiner Geschichte“ definiert werden, die geprägt sei von den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts und ihrer Überwindung, von den zwei Weltkriegen, vom Holocaust und von den Erfahrungen mit totalitären Regimen im 20. Jahrhundert. Bünker: „Der Unterschied zum heutigen Europa ist das Europa von gestern.“ Die spirituelle und kulturelle Dimension des Kontinents müsse sich daran messen lassen, „wie gut es gelingt, dieses Europa der Vergangenheit zu überwinden.“

Kirchen und Religionsgemeinschaften komme nach Bünker die Aufgabe zu, einen Beitrag zu leisten für gegenseitiges Verständnis und die Förderung der gegenseitigen Achtung innerhalb der gemeinsamen Grundwerte. Als erfolgreiches Modell sieht Bünker hier die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“, wie sie in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ gelebt werde. Mit dieser Erfahrung der Versöhnung und des Dialogs können protestantische Kirchen einen wichtigen Beitrag für die Zukunft Europas leisten, ist Bünker überzeugt. Das schließe auch den für protestantische Kirchen so wichtigen Punkt des Umgangs mit Minderheiten ein. Zudem sei es Teil der reformatorischen Kompetenz protestantischer Kirchen, abgehobene Institutionen zu kritisieren.

Europa sei „niemals nur ein rückwärts bezogenes Projekt“, betonte der Bischof. Für evangelisches Verständnis gehe es nicht um eine Wiederherstellung eines christlichen Abendlandes. Bünker: „Verheißung hat Europa nur, wenn es zu einem Aufbruch führt, bei dem nicht irgendeine vergangene Realität, und sei sie noch so respektabel, die leitende Version darstellt. Die Einheit Europas liegt vor uns.“ Auf dem Weg dorthin würden die Kirchen ihre christlichen Werte einbringen, ebenso wie andere ihre Werte einbringen werden. Europa, so Bünker, werde aus diesem Austausch gestärkt hervorgehen. Entscheidend sei, dass alle die „Hausordnung“ beachten, die nicht zur Disposition stehen dürfe. Dazu gehören „die unverlierbare Würde des Einzelnen vor Gott, die Menschenrechte, die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit“, betonte der Bischof, der in der Diskussion auch die europäische Asyl- und Flüchtlingspolitik deutlich kritisierte.

Veranstaltet wurde die Diskussion von der Allianz Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), dem Tanzquartier Wien, dem Burgtheater und der Tageszeitung „Der Standard“.

ISSN 2222-2464