Bünker: Reformation brachte Transformation in Kirche und Welt

Traditionell werden die Salzburger Festspiele mit den „Disputationes“ eröffnet, heuer unter dem Thema: Glauben.Staunen.Denken.Hoffen (Foto: Wikipedia/Kwangmo)
Traditionell werden die Salzburger Festspiele mit den „Disputationes“ eröffnet, heuer unter dem Thema: Glauben.Staunen.Denken.Hoffen (Foto: Wikipedia/Kwangmo)

Bischof Bünker bei „Ouverture spirituelle“ der Salzburger Festspiele

Salzburg (epdÖ) – Mit der Reformation sei ein „gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozess“ eingeleitet worden, der im Verhältnis der beteiligten christlichen Kirchen erst jetzt zu einem Ende gekommen sei. Darauf hat der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker bei den „Disputationes“ im Rahmen der „Ouverture spirituelle“ der Salzburger Festspiele am Samstag, 22. Juli, hingewiesen. Generalthema der diesjährigen Disputationes war „Transfiguration“: Dabei geht es um die Veränderungen, die Religion, Glaube und Spiritualität in der Gegenwart durchleben.

Bünker wies in seinem Vortrag darauf hin, dass erst 2016 Lutheraner und Katholiken verbindlich auf Weltebene gemeinsam feststellen konnten, „dass sie und die Gemeinschaften, in denen sie ihren Glauben leben, zu dem einen Leib Christi gehören. Es wächst das Bewusstsein, dass der Streit des 16. Jahrhunderts zu Ende ist. Die Gründe dafür, den Glauben der Anderen gegenseitig zu verurteilen, sind hinfällig geworden“, zitierte Bünker aus der gemeinsamen Kirchenerklärung.

Die Reformation habe nicht nur eine Transformation ausgelöst, sie habe ihrerseits viele bereits im Spätmittelalter vorhandene Elemente aufgegriffen und transformiert. „Nichts an der Reformation ist absolut neu, alle ihre Leitbegriffe sind vorher schon da“, so der Bischof unter Verweis auf spätmittelalterliche Impulse hinsichtlich Theologie, Gottesdienst, Frömmigkeit und soziale Praxis. Sei es bei den Reformatoren anfangs um eine Erneuerung der Kirche im Sinne einer Wiederherstellung und Reinigung der Kirche gegangen, so sei es bei Luther dann doch zu einem Bruch mit dieser Haltung, der Kirche seiner Zeit, der römischen Papstkirche und der Etablierung von etwas ganz Neuem gekommen.

„Luther war davon überzeugt, dass es die Selbstrelativierung der Kirche und nicht ihre Absolutsetzung braucht, damit sie ihren Auftrag nicht verdunkelt“, erklärte Bünker weiter. „Dieses Neue und Unerwartete hat seine thematische Zentrierung in der Rechtfertigungslehre Luthers und der Reformatoren allgemein.“ Ihr Herzstück sei die bedingungslose Annahme des gottlosen Menschen, der von sich aus zu seiner Rechtfertigung nichts beitragen kann, als es sich gesagt sein zu lassen und an sich geschehen zu lassen. „Die Reformation war von der zentralen Einsicht bestimmt, dass der Mensch als unmittelbar vor Gott stehende Person verstanden wurde, ohne jede Vermittlungsbedürftigkeit durch kirchliche Institutionen, deren Identität und Würde allein durch die Anerkennung durch Gott begründet ist“, führte Bünker aus.

Bis heute gebe es einen wirkmächtigen Kern des reformatorischen Aufbruchs: „Es ist der Glaube, der zwischen Gott und Mensch kritisch unterscheidet und, indem er Gott als Gott anerkennt, als Mensch in unbedingter Anerkennung aufrecht, frei und verantwortlich leben kann und leben soll“, sagte Bünker, der im Blick auf gegenwärtige Transformationsprozesse schloss: „Ich bin davon überzeugt, dass christlicher Glaube, speziell auch in seiner reformatorischen Ausprägung, einen Beitrag zur spirituellen Bewältigung von Veränderungsprozessen geben kann und gibt.“

Religionssensibler Atheismus

Der Salzburger Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff hat bei der Festspiele-Auftaktveranstaltung „Salzburger Disputationes“ ebenfalls am Samstag das „erstaunliche Phänomen“ eines – immer stärker in Mode kommenden – „religionssensiblen Atheismus“ nachgezeichnet. Hoff war der dritte Vortragende – nach Bischof Michael Bünker und dem Mathematikprofessor Rudolf Taschner. Das Thema seines Vortrags lautete „Spiritualität – ohne Gott?“ Das Thema „Transfiguration“ müsse einen Theologen faszinieren, meinte Hoff. Es stelle auf die „religiöse Dynamik von Verwandlungen“ ab, die „uns auch gesellschaftlich in einem erheblichen Maß“ betreffen. Die Säkularisierung verlange inzwischen differenziertere Auffassungen: „Die religiösen Sphären werden vielfältig besetzt.“ Das wirkt laut Hoff oft provozierend. Als Beispiel führte er das Motto der Salzburger Festspiele 2008 an, das lautete: „Stärker als die Liebe ist der Tod“. Es sei dabei auch um Provokation, Verstörung und „gehaltvolle Umstellung des biblischen Originals“ gegangen.

ISSN 2222-2464