Bünker: „Mehr Verantwortung im Umgang mit Religion“

Europäischen Toleranzgespräche: Zum Thema Modernität, Menschenrechte und Islam diskutierten Nahost-Expertin Karin Kneissl, Sozialwissenschafterin Claudia Brunner, ORF-Kulturchef Martin Traxl, Bischof Michael Bünker und die Autoren Sama Maani und Pravu Mazumdar (v.l.). Foto: Fotodienst/Gerhard Kampitsch
Europäischen Toleranzgespräche: Zum Thema Modernität, Menschenrechte und Islam diskutierten Nahost-Expertin Karin Kneissl, Sozialwissenschafterin Claudia Brunner, ORF-Kulturchef Martin Traxl, Bischof Michael Bünker und die Autoren Sama Maani und Pravu Mazumdar (v.l.). Foto: Fotodienst/Gerhard Kampitsch

Wer über Toleranz spricht, müsse auch über Menschenrechte sprechen

Fresach (epdÖ) – „Das, was wir brauchen, ist keine passive Toleranz, sondern eine, die stark und aktiv ist. Wir brauchen ein lebendiges Interesse, Anteilnahme und die Anerkennung der Andersheit“, sagte Bischof Michael Bünker am Freitag, 22. Mai, bei den Europäischen Toleranzgesprächen in Fresach. Mit seinem Statement führte Bünker in eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Modernität, Menschenrechte und Islam“.

„Das, was wir gegenwärtig erleben, ist eine wahre Inflation des Kulturbegriffs“, erklärte Sama Maani. Der österreichische Autor mit iranischen Wurzeln kritisierte, dass Kultur und Natur immer öfter gleichgesetzt würden. Sigmund Freud habe hingegen noch klar unterschieden zwischen diesen beiden Begriffen, indem er von der Kultur sprach als etwas, das die Natur des Menschen „unterdrückt“. Der Philosoph Pravu Mazumdar knüpfte an Maani an und sprach von Kultur als etwas, das „von uns fabriziert wird“. „Kultur erfinden ist wichtig, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir sie erfunden haben“, so Mazumdar.

Der Kulturbegriff sei in aller Munde – „Leitkultur“, „fremde Kultur“, „Kampf der Kulturen“ -, und gerade deswegen müsse er detailliert analysiert und kritisch betrachtet werden, ebenso wie die Toleranz, meinte die Sozialwissenschaftlerin Claudia Brunner. Sie legte den Fokus auf die Machtverhältnisse, die sich hinter der Toleranz verstecken: „Toleranz tritt erst dann zu Tage, wenn Konflikte auftreten. Und diese sind wiederum asymmetrisch“, erläuterte Brunner. Die Wissenschafterin kritisierte, dass Politisches immer öfter kulturalisiert werde anstatt sozioökonomische Ungleichheiten zu hinterfragen.

Während Brunner die Kulturalisierung des Politischen kritisiert, beobachtet Bünker die zunehmende „Religionisierung“ von gesellschaftlichen Konflikten mit Sorge. „Wir brauchen nicht ein Mehr an Religion, sondern mehr Verantwortung im Umgang mit ihr“, betonte der Bischof. In Hinblick auf Toleranz und religiös motivierte Gewalt werfen vor allem die jüngsten Geschehnisse in Syrien und im Irak große Fragen auf. Nahost-Expertin Karin Kneissl skizzierte die historische Entwicklung des politischen Islams und sieht den Grund für die in Arabien zunehmende Islamisierung im dortigen Scheitern aller politischen Ideen der vergangenen 50 Jahre. Sie warnte davor, die Welt in Gläubige und Ungläubige einzuteilen, und riet, sich nicht in interreligiösen Dialogen zu verstricken, sondern für politische Probleme auch politische Lösungen zu suchen.

ISSN 2222-2464