Bünker: Kirche gehört auf die Seite der Schwachen

Evangelische feiern Ostern mit einem besonderen Akzent auf Karfreitag

Wien (epd Ö) – „Evangelische feiern Ostern mit einem besonderen Akzent auf den Karfreitag. Das soll zum Ausdruck bringen, dass wir dieses Fest, an dem wir den Sieg des Lebens feiern, nicht so begehen wollen, als würde damit die Realität, die ja oft auch etwas sehr Lebensfeindliches ist, übersprungen.“ Das sagte Bischof Dr. Michael Bünker am gestrigen Dienstag in einem Interview mit Studio Omega in Wien. Bünker: „Wir feiern Ostern also nicht im Sinne eines Triumphalismus oder auch im Sinne einer Kirche, die sich auf die Seite der Starken und Siegreichen stellt und nicht mehr weiß, dass ihr Platz auf der Seite der Schwachen und Ohnmächtigen ist. Daher diese besondere Betonung von Karfreitag.“

Theologisch, so der Bischof, symbolisiere Karfreitag, dass Gott mit den Schwachen gehe: „Gott geht so weit in seinem Mitleiden mit der Welt, dass er sich selbst hingibt an die Verhältnisse und sich nicht zurücknimmt gerade in jenen Verhältnissen, in denen Menschen sich in besonderer Brutalität und Gewaltbereitschaft zueinander verhalten.“ Das sei leider auch heute eine tausendfache Erfahrung, „jeden Tag sind die Nachrichten voll davon“. Der christliche Glaube lebe davon, dass Gott die Menschen in diesem Leiden nicht allein lasse, „sondern begleitet hin zum Ostermorgen und hin zum Sieg des Lebens über den Tod“.

Karfreitag war etwas Besonderes im Elternhaus Bünkers

„Bei uns zu Hause war der Karfreitag ein besonderer Tag der Stille, etwas Nachdenkliches, etwas Ruhiges“, sagte der Pfarrerssohn. Es sei ein besonderer Tag gewesen bis hin zum Essen, „denn Karfreitag war ein Fasttag, auch wenn Fasten ja für Evangelische keine Vorschrift ist. Aber doch ein guter, nützlicher und sinnvoller Brauch.“ Das normale, geschäftige Treiben unterbleibt am Karfreitag für Evangelische. Es ist ein Tag, der dazu dienen soll, dass man die Passionsgeschichte nachliest in der Bibel, Passionsmusik hört, etwa von Johann Sebastian Bach, dass man den Gottesdienst besucht und so diesen Tag in einer angemessenen Form begeht.

Bünker betonte: „Der christliche Glaube sagt, dass Ostern der Beginn der neuen Schöpfung ist.“ Es gehe nicht um eine Art „Revitalisierung“ eines Toten, sondern hier sei etwas geschehen, „was das erste Anzeichen ist der neuen Welt, die Gott schafft“. Diese entziehe sich weitgehend unserer Vorstellung: „Das, was man feststellen kann, ist, dass die Auferstehung offensichtlich die Identität bewahrt. Jesus wird ja auch als der Gekreuzigte, als Jesus von Nazareth erkannt. Gleichzeitig umgibt ihn aber auch eine gewisse Geheimnishaftigkeit. Die Jünger von Emmaus beispielsweise erkennen ihn erst beim Brotbrechen.“ Aber Jesus lasse sich erkennen, und es gebe dieses Nebeneinander von beidem wie eine „Brücke“. Bünker: „Es gibt die Kontinuität in der Identität, die sich am Verhalten zeigt. Das ist, glaube ich, das Besondere.“

Angesprochen auf Osterbräuche wie etwa den Osterhasen, unterstrich der Bischof, dass eben am Osterhasen und am Osterei zu erkennen sei, wie erfolgreich das Christentum vorhandene Kulturen, in diesem Fall die germanischen Fruchtbarkeitsmythen, integrieren konnte. Das sei etwas, das zuversichtlich stimmt, denn es zeige, dass es auch in Zukunft gelingen kann, Vorhandenes zu integrieren, ohne dass daraus immer Widersprüche entstehen müssen.

ISSN 2222-2464