Bünker in Alpbach: „Europa ist nicht resilient“

"In Europa wurden hunderte Kilometer von Mauern und Zäunen errichtet, ohne dass dadurch das Miteinander oder gar die Solidarität der europäischen Länder größer geworden wäre, eher ist das Gegenteil der Fall“, meint Bischof Bünker in Alpbach. Foto: pixabay/mnswede70
"In Europa wurden hunderte Kilometer von Mauern und Zäunen errichtet, ohne dass dadurch das Miteinander oder gar die Solidarität der europäischen Länder größer geworden wäre, eher ist das Gegenteil der Fall“, meint Bischof Bünker in Alpbach. Foto: pixabay/mnswede70

Verbindende Elemente in einem auseinander driftenden Kontinent

Alpbach (epdÖ) – „Europa kann sich nicht aus sich heraus, allein, neu aufstellen und ausrichten.“ Gegen populistische Versuche, „Europa kleinzureden und kleinzumachen“ hat sich der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker am Samstag, 25. August, in einer interreligiösen Morgenbetrachtung beim Europäischen Forum Alpbach gewendet. Seine Kritik richtete sich dabei gegen diejenigen, die „der Diversität der Kulturen, Ethnien, Religionen, Lebensformen schon müde“ seien, und die in Europa bestenfalls ein notwendiges Übel sähen. Dem hielt Bünker das Plädoyer des deutsch-iranischen Publizisten Navid Kermani für ein Europa, dem Flügel wachsen, entgegen. Aus evangelischer Perspektive, so der Bischof, sei Europa ein „Zukunftsprojekt“.

„Hunderte Kilometer von Mauern und Zäunen errichtet“

Gerade in Krisenzeiten brauche es „verbindende Elemente in einem zunehmend auseinander driftenden Kontinent.“ Die Realität des 21. Jahrhunderts fordere ein freies und geeintes Europa, das zum einen von Solidarität der europäischen Staaten untereinander geprägt sei, zugleich aber verantwortungsvoll über seine eigenen Grenzen hinausblicke. Tatsächlich aber würden in Europa „hunderte Kilometer von Mauern und Zäunen errichtet, ohne dass dadurch das Miteinander oder gar die Solidarität der europäischen Länder größer geworden wäre, eher ist das Gegenteil der Fall.“

Die Rede vom christlichen Abendland bezeichnete Bünker ebenso wie jene eines homogenen Europas als fiktive Traumvorstellung, die von politischen Kräften genährt werde, die ein „Zurück zum Nationalstaat, zur Kleinstaaterei“ anstrebten. Das Problem aber, so der Bischof, sei nicht Europa, sondern: „Das Problem ist die Mauer“.

„Wir sollen Stehaufmännchen sein“

In einem Seitenhieb auf das diesjährige Generalthema des Forums Alpbach, „Diversität und Resilienz“, meinte Bünker kritisch, Resilienz, werde durch entsprechende Diskurse in Pädagogik oder Psychologie zum Leitbegriff für Menschen in ihrer persönlichen Lebensführung: „Auch wir sollen resilient sein oder werden, also krisenfest, angsterprobt, paniksicher, chaoserfahren. Steh-auf-Männchen und Weibchen gleichsam, die nicht unterzukriegen sind, egal, wie die äußeren Verhältnisse sich entwickeln. Und wenn sie doch nicht standhalten? Ja, dann sind sie selbst schuld.“ Resilienz habe sich zum „moralischen Jokerbegriff“ entwickelt. Europa, so der Bischof abschließend, sei jedenfalls sei nicht resilient, sondern brauche „uns alle, jeden und jede“.

Das Europäische Forum Alpbach versammelt zwischen 15. und 31. August bis zu 5000 Menschen, um über aktuelle Themen aus Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft zu diskutieren. Das erste Forum in dem Tiroler Bergdorf fand 1945 statt. Neben Michael Bünker sind mit Pfarrerin Maria Katharina Moser und Superintendent Olivier Dantine zwei weitere evangelische AmtsträgerInnen unter den RednerInnen.

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ISSN 2222-2464