Bünker: „Geht’s uns allen gut, geht’s der Wirtschaft gut“

Lutherischer Bischof, Wirtschaftswissenschaftler Felber und Sozialakademie-Expertin Appel diskutierten über alternative Wirtschaftsmodelle

Wien (epd Ö) – Scheinbare „Glaubenssätze“ der Ökonomie müssen kritisch hinterfragt werden. Das hat der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker betont. Im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung am Montag, 14. Februar, im Wiener Albert Schweitzer Haus zeigte sich Bünker überzeugt, dass es bisher noch nicht gelungen sei, die richtigen Schlüsse aus der Weltwirtschaftskrise zu ziehen und alternative Wege zu beschreiten. Es brauche dringend neue Regelungen für die weltweiten Finanzmärkte und mehr Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und internationale Gerechtigkeit. Menschenwürde und Menschenrechte würden den Referenzrahmen bilden. Die Kirchen und viele andere gesellschaftliche Akteure müssten sich noch aktiver als bisher daran beteiligen, dass die Wirtschaft „wieder dem Leben dient“. Den Werbespruch „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ wollte der Bischof anders verstanden wissen: „Geht’s uns allen gut, geht’s der Wirtschaft gut“.

„90 Prozent der Menschen in Österreich wollen sich eine neue Wirtschaftsordnung geben“, zitierte Attac-Gründungsmitglied Christian Felber aus einer aktuellen Studie im Auftrag der deutschen Bertelsmann-Stiftung. Es sei nicht verwunderlich, so der Buchautor und Wirtschaftswissenschaftler, dass die Ökonomie ihre Ideengeschichte lange Zeit als Dogmenlehre bezeichnet habe. Bis heute würden sehr viele Menschen glauben, dass die Globalisierung ähnlich der Erdanziehungskraft unabänderlich sei und ohne Alternative. Dieses Denken jedoch sei undemokratisch, da es in einer Demokratie immer Alternativen gäbe.

Eine Alternative sieht Felber im Modell der Gemeinwohl-Ökonomie. In unserem heutigen System stünden Gewinnstreben und Konkurrenz an erster Stelle, der Erfolg eines Unternehmens würde rein über das Finanzielle gemessen. Dies sei unzureichend und „absurd“. Das Ziel müsse in Zukunft sein, den unternehmerischen Erfolg in Form einer Gemeinwohlbilanz zu eruieren. Diese würde Auskunft geben über den Beitrag des Unternehmens zum Gemeinwohl, also den gesellschaftlichen Nutzen einer Firma widerspiegeln. Je besser die Gemeinwohlbilanz, umso mehr Vorteile erhielte das Unternehmen, beispielsweise in Form niedrigerer Steuer- und Zollabgaben. „Heute können unethische Unternehmen Produkte billiger anbieten als beispielsweise Unternehmen, die Fair-Trade-Produkte verkaufen, und werden dafür auch noch belohnt. Das wäre in der Gemeinwohlwirtschaft nicht mehr möglich“, erklärte Christian Felber.

Kritisch merkte Michael Bünker an, dass viele ökonomische Grundgedanken, wie beispielsweise jener der Konkurrenz, in einzelnen Branchen kaum bemerkbar seien: „Ich denke da an die Banken. Da gibt es keine Konkurrenz, die sind ‚too big to fail'“. Globalisierung werde von den Kirchen sehr ambivalent gesehen. Die Wirtschaftsethik sei ein Bereich, in dem die christlichen Kirchen etwas zu sagen hätten und sich der christliche Glaube herausgefordert fühle. Gleichzeitig gäbe es gerade in diesen Fragen auch unterschiedliche Auffassungen, beispielsweise zwischen den Kirchen des Nordens und den Kirchen des Südens. „Steckt hinter der Weltwirtschaft heute so etwas wie ein imperial gesteuerter Prozess? Die Kirchen des Südens sagen ja! Bei den Kirchen des Nordens ist da ein großes Fragezeichen“, so der Bischof.

Mit der Rolle der Frau in einer alternativ gedachten Wirtschaft beschäftigte sich die Politologin und Erwachsenenbildnerin Margit Appel von der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksö) in ihrem Referat. Theologie wie Ökonomie seien für die Problemlagen der Frauen ein Stück weit blind. Es gäbe eine ökonomische Benachteiligung von Frauen, weil der Bereich der Fürsorge und Sorge, in dem überdurchschnittlich viele Frauen tätig seien, gar nicht oder schlecht bezahlt werde. Eine alternative Ökonomie müsste diesen Bereich in den Mittelpunkt rücken. Die Veranstaltung, zu der die Evangelische Akademie Wien geladen hatte, stand unter dem Motto „Ökonomie alternativ denken“.

ISSN 2222-2464