Bünker: Europa ist Zukunft verheißen

Bischof Bünker: "Pluralität wird in Europa zunehmend als Bedrohung empfunden." Foto: pixabay/strecosa
Bischof Bünker: "Pluralität wird in Europa zunehmend als Bedrohung empfunden." Foto: pixabay/strecosa

Kirchen als Orte des offenen Gesprächs ohne Hetze und Hass

Hanau (epdÖ) – „Was aus Europa wird, weiß ich nicht. Aber dass uns Zukunft verheißen ist, dass weiß ich und darauf vertraue ich.“ Das sagte Bischof Michael Bünker in einem Vortrag anlässlich der 200-Jahr-Feier der Hanauer Union am Dienstag, 15. Mai, in Hanau nahe Frankfurt am Main. „Diese verheißene Zukunft von Gottes Reich“, so Bünker in dem Vortrag, der sich der Bedeutung der Evangelischen Kirche für Europa widmete, weiter, „ist ein offener Möglichkeitsraum, in den unsere Welt gestellt ist. Europa ist nicht das Reich Gottes, es ist der Adressat, aber nicht das Ziel der christlichen Verkündigung.“ Bünker, der auch Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa ist, sprach auf Einladung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. In deren Sprengel Hanau hatten sich 1818 reformierte und lutherische ProtestantInnen zu einer gemeinsamen Kirche zusammengeschlossen.

In seinem Vortrag widmete sich Bünker Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Evangelischen am Kontinent. Die Reformatoren hätten Europa nie explizit als Thema behandelt, dennoch hätten sie alle bereits über „europaweite Netzwerke“ verfügt und „europaweite Wirkungen“ gezeitigt. In späterer Zeit seien es dann vor allem Migranten wie der gebürtige Mähre Johann Amos Comenius gewesen, die „Europa als ein Zukunftsprojekt für ein Zusammenleben in Vielfalt“ entdeckten. Es habe bis nach den Ersten Weltkrieg gedauert, ehe sich evangelische Theologie des Themas erneut angenommen habe. Die Charta Oecumenica von 2001 habe gerade für dieses Zusammenleben in Vielfalt einen gemeinsamen Ausdruck der Kirchen gefunden.

Heute sei Europa zuerst ein „Friedensprojekt, als zweites ein Kontinent des zunehmenden Wohlstandes“, und drittens eine „wirtschaftliche und politische Größe.“ Als solche müsse Europa aber auch „sozialstaatliche, ökologische und menschenrechtliche“ Standards einhalten. Sie würden die Glaubwürdigkeit des europäischen Modells ausmachen, gerade hier zeigten sich aber aktuell Brüche und Spannungen, was auch als Herausforderung an die Kirche zu werten sei. Ihr seien in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft fünf Aufgaben gestellt: Sie müsse eine bekennende, seelsorgerliche, helfende und missionarische Kirche sein, die zudem, wo nötig, „prophetische Kritik an den herrschenden Zuständen“ übe.

Heute sähen evangelische Kirchen, die sich für eine offene und plurale Gesellschaft einsetzen, diese zusehends in Gefahr: „Pluralität wird in Europa zunehmend als Bedrohung empfunden und die Offenheit der Gesellschaften scheint durch Extremismen und überzogene Sicherheitsbestrebungen, durch zunehmenden Rechtspopulismus mit seinen Abgrenzungsstrategien und generell durch die verbreiteten Festungsmentalitäten Schritt für Schritt verloren zu gehen.“ Die protestantischen Kirchen müssten dabei ihre oftmalige Diasporasituation zu nutzen verstehen: Sie ermögliche es, eine gesellschaftliche „Brückenfunktion“ wahrzunehmen, was einschließe, dass „Kirchen Orte des offenen Gesprächs ohne Hetze und Hass“ seien.

Zugleich übte Bünker Kritik am gegenwärtigen Lebensstil, der die europäische Gesellschaft stark präge: „Unser Alltag ist eine imperiale Lebensweise, die die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft aber auch zwischen den Staaten fördert und auf Kosten der Natur und der Nachkommen sowie auf Kosten der Menschen in den Ländern des Südens geht.“ Der Bischof plädiert daher für lösungsorientierte Gespräche, „von denen eine emotionalisierte und moralisierende Stimmung und eine Beschäftigung mit einer Politik der Symbole nur ablenkt.“

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ISSN 2222-2464