Bünker: „Die Rede vom christlichen Abendland ist falsch“

Kirchen könnten Sehnsucht nach Homogenität verstärken, hätten aber auch die Kraft des Verbindenden, so Bischof Michael Bünker. Foto: epd/Michael Windisch
Kirchen könnten Sehnsucht nach Homogenität verstärken, hätten aber auch die Kraft des Verbindenden, so Bischof Michael Bünker. Foto: epd/Michael Windisch

Diskussion zu Religion und Politik in Europa

Wien (epdÖ) – „Die sogenannte Flüchtlingskrise ist vielen in Europa sehr gelegen gekommen. Endlich war da jemand, der Schuld hat.“ Das sagte Bischof Michael Bünker im Rahmen eines von der Evangelischen Akademie Wien veranstalteten Podiumsgespräches zum Verhältnis von Religion und Politik in Europa auf die Frage nach dem Umgang mit politischen Stimmen, die ein vermeintlich christliches Abendland durch Zuwanderung bedroht sehen. „Ein einheitliches Bild davon, wie christliches Leben in Europa gelebt und gestaltet wird, gibt es nicht. Die Rede vom christlichen Abendland ist falsch – das gab es nie, gibt es nicht, wird es nie geben“, so Bünker weiter. Mit dem evangelisch-lutherischen Bischof diskutierten am Dienstag, 20. März, im Haus der Europäischen Union in Wien der Journalist und Autor Martin Pollack, die ehemalige EU-Politikerin Ulrike Lunacek und Silke Lechner, stellvertretende Leiterin des Arbeitsstabes Friedensverantwortung der Religionen beim Auswärtigen Amt in Deutschland.

Vom christlichen Abendland sei erst dort gesprochen worden, so Bünker, wo sich Europa zunehmend modernisiert und ausdifferenziert und die Sehnsucht nach Einheit und Homogenität entwickelt habe. „Religionen können diese Sehnsucht nach Homogenität freilich immer auch befördern, so zum Beispiel die Evangelische Kirche in den dreißiger Jahren in Österreich. Aber sie haben auch die Kraft des Verbindenden. Das meinen Protestanten, wenn sie von Einheit in versöhnter Verschiedenheit reden: die Offenheit für Pluralismus.“

Lechner: „Nicht Parteibuch ausschlaggebend“

Den Blick auf die Evangelische Kirche in Deutschland richtete Silke Lechner, früher Studienleiterin beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. „Die Kirche hat sich sehr stark in die Flüchtlingsdiskussion eingemischt, nicht nur mit Worten, auch praktisch.“ Innerkirchlich habe es über diese Linie große Auseinandersetzungen gegeben, ebenso bezüglich der Haltung der Kirche zur rechtspopulistischen Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD). „Bei der Frage, ob wir Afd-Politiker als ReferentInnen zum Kirchentag einladen sollten, haben wir monatelang diskutiert. Unsere Position am Ende lautete: Nicht das Parteibuch soll ausschlaggebend sein, sondern ob sich die konkrete Person fremdenfeindlich geäußert hat.“

Lunacek: „Starker Einfluss von fundamentalistischen Gruppierungen“

Die ehemalige Vizepräsidentin des europäischen Parlaments, Ulrike Lunacek, blickte besorgt auf jüngere Versuche von fundamentalistischen christlichen Gruppierungen, Einfluss auf die Abgeordneten in Straßburg zu nehmen. „Drei Elemente sind hier bestimmend: Diese Gruppen sind nationalistisch, patriarchal und fundamentalistisch orientiert. Sie treten gegen den ‚Gender-Wahn‘ ein, gegen das Recht auf sichere Abtreibung oder die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben.“ Es hätte Wochen gegeben, in denen bis zu 40.000 Mails von diesen Gruppierungen in ihrem Postordner gelandet seien, schilderte Lunacek das offensive Verhalten der Organisationen,  von denen nicht genau zu sagen sei, wer hinter ihnen stehe. Sie selbst sei zwar mit 20 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, habe aber in ihrer beruflichen Laufbahn immer wieder Verbündete in der Katholischen Frauenbewegung oder der Evangelischen Frauenarbeit gefunden.

Pollack: Kirchen lauter zu Wort melden

Martin Pollack kritisierte die enge Bindung von Kirchen an die Machthabenden in Ländern wie Polen, Ungarn oder Russland. „Polen ist ein hervorragendes Beispiel, welche Verantwortung Kirche in der politischen Gestaltung eines Landes nehmen kann. Die katholische Kirche nützt ihren Einfluss vorbehaltlos, um die Linie der Regierung zu unterstützen.“ Auch konstatierte der Schriftsteller eine Verschiebung der Akzeptanzschwelle in ganz Europa: „Vor zehn Jahren wurde ein Viktor Orbán in Ungarn mit seinen Äußerungen belächelt. Heute ist er mit seinen illiberalen Positionen als ebenbürtiger Gegendenker zu Angela Merkel anerkannt.“ Von den Kirchen, aber auch von den Intellektuellen sei zu erwarten, dass sie sich hier lauter zu Wort meldeten.

Die Diskussion bildete den Abschluss der Gesprächsreihe „Europa Denken“, die von der Evangelischen Akademie Wien anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 initiiert worden war. Es moderierte der Journalist und Zeithistoriker Peter Huemer.

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ISSN 2222-2464