Bünker: „Bräuche sind es wert, gefördert zu werden“

Mit der heutigen Gottesdienstpraxis beschäftige sich ein internationaler Kongress in Wien. "Menschen haben Bräuche, und wenn sie keine bekommen, erfinden sie selbst welche", meinte Bischof Bünker bei dem Kongress. Foto: epd/Janits
Mit der heutigen Gottesdienstpraxis beschäftige sich ein internationaler Kongress in Wien. "Menschen haben Bräuche, und wenn sie keine bekommen, erfinden sie selbst welche", meinte Bischof Bünker bei dem Kongress. Foto: epd/Janits

Kongress in Wien über Gottesdienstpraxis und Menschenbild

Wien (epdÖ) – Mit den Praxisformen christlichen Glaubens und den dahinterstehenden Glaubensinhalten beschäftigte sich in Wien ein wissenschaftlicher Kongress, in den neben Theologinnen und Theologen auch Wissenschaftler anderer Disziplinen involviert waren. Der Praktische Theologe Wilfried Engemann (Universität Wien) lud von 9. bis 12. April nach Wien ein und erörterte gemeinsam mit den Kongressteilnehmern die heutige Gottesdienstpraxis in den Evangelischen Kirchen – der Evangelische Pressedienst berichtete darüber. Am Kongress referierten auch der Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich, Michael Bünker, sowie die Rektorin des Diakoniewerks Gallneukirchen, Christa Schrauf.

Über den Stellenwert von Bräuchen im Leben der Menschen sprach Bischof Michael Bünker. „Menschen haben Bräuche, und wenn sie keine bekommen, erfinden sie selbst welche“, zeigte sich Bünker überzeugt. Er erinnerte etwa an den 2006 entstandenen Brauch von Liebespaaren, Vorhängeschlösser an Brücken zu befestigen und die Schlüssel in den darunterliegenden Fluss zu werfen – als Zeichen ewiger Treue. „Richtig populär und weltweiter Brauch wurden diese Liebesschlösser durch einen Roman aus dem Jahr 2006. In diesem Jahr wurde ein Brauch geboren.“ Aber auch im kirchlichen Bereich seien neue Bräuche entstanden, auch wenn evangelische Theologie Bräuchen lange Zeit kritisch gegenüberstand. Bischof Bünker erinnerte in diesem Zusammenhang etwa an den Adventkranz oder den Christbaum, aber auch an „liturgienahe Bräuche“ oder den „Kirchenschlaf“ im Rahmen des Konfirmationsunterrichts.

Brauchtum könne aber auch, speziell von politischer Seite, missbräuchlich verwendet werden. „Bräuche entpuppen sich beim näheren Hinsehen nicht selten als ‚invented traditions‘, zu denen Herrschende greifen, um unter dem Anschein des Althergebrachten ihre Interessen durchzusetzen“, so der Bischof. Religion und Bräuche gehörten jedenfalls zusammen, resümierte Bünker und folgerte: „Bräuche sind es wert, gefördert und wissenschaftlich begleitet zu werden.“

Nicht nur in Gottesdiensten spielt das christliche Menschenbild eine wichtige Rolle, sondern auch in der diakonischen Arbeit. Angesichts zahlreicher nicht-evangelischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter komme dem gemeinsamen Leitbild bei der Arbeit besondere Bedeutung zu, erklärte Rektorin Christa Schrauf vom Diakoniewerk Gallneukirchen. „Wir entwickeln gerade ein neues Leitbild. Das ist wichtig, um alte Traditionen mit in die Zukunft nehmen zu können“, so Schrauf. Das Diakoniewerk orientiere sich dabei an biblischen beziehungsweise christlich-jüdischen Traditionen, speziell etwa am Gedanken der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. „In unserem neuen Leitbild, das gerade am Entstehen ist, steht der Mensch als Gottes Ebenbild im Mittelpunkt. Für uns ist der Mensch einzigartig und unverwechselbar. Der Schutz seiner Würde bestimmt daher unseren Umgang miteinander und unsere tägliche Arbeit.“ Das Spezifikum diakonischer Arbeit liege etwa auch darin, dass Seelsorge ein Aspekt dieser Arbeit sei, sagte Rektorin Schrauf.

ISSN 2222-2464