Bünker: Kein Optimist, aber von unzerstörbarer Hoffnung

Mit Bischof Michael Bünker diskutierten im Burgtheater die ehemalige Politikerin Heide Schmidt, die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die Moderatorin des Abends, Renata Schmidtkunz, die Theologin Viola Raheb und die Rektorin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen, Shalini Randeria (v.l.n.r.) Foto: epd/Uschmann
Mit Bischof Michael Bünker diskutierten im Burgtheater die ehemalige Politikerin Heide Schmidt, die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die Moderatorin des Abends, Renata Schmidtkunz, die Theologin Viola Raheb und die Rektorin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen, Shalini Randeria (v.l.n.r.) Foto: epd/Uschmann

Diskussion über Verantwortung in einer digital-globalen Welt

Wien (epdÖ) – „Ich habe den Eindruck, uns ist seit 1989 die Zukunft abhandengekommen.“ So analysierte Bischof Michael Bünker am Sonntag, 1. Oktober, im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Wiener Burgtheater die zunehmende politische Perspektivenlosigkeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Die Veranstaltung unter dem Titel „Wie steht es um die Verantwortung in einer digital-globalen Welt?“ widmete sich anlässlich des Reformationsjubiläums Fragen individueller und kollektiver Freiheit. Mit Bünker diskutierten die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die Leiterin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), Shalini Randeria, die Theologin Viola Raheb und die Ex-Politikerin Heide Schmidt. Moderiert wurde die Diskussion von der Leiterin der Ö1-Sendereihe „Im Gespräch“, Renata Schmidtkunz.

„Wollen wir Zukunft als etwas verstehen, das wird, oder als etwas, das kommt? Als etwas, das wir aus der Gegenwart hochrechnen können, oder als Unerwartetes, als Advent?“, fragte Bünker und wies darauf hin, dass eine Zukunft, die nicht nur die Fortsetzung des Gegenwärtigen sei, immer auch das Engagement des Einzelnen brauche. Martin Luther sei – bei all seinen negativen Seiten – ein gutes Beispiel dafür: „Auch wenn er den Satz wahrscheinlich nie so gesagt hat – Luthers ‚Hier stehe ich, ich kann nicht anders‘ steht dafür, in Freiheit Verantwortung zu übernehmen.“ Die globale Vernetzung der letzten Jahrzehnte fördere das, so Bünkers Auffassung, da sie noch mehr Möglichkeiten biete, sich in größerem Rahmen zusammenzuschließen und auszutauschen. Wie sich dies weiterentwickeln werde, könne er nicht vorhersagen, aber mit Blick auf die Zukunft betonte der Bischof: „Ich bin kein Optimist, aber von unzerstörbarer Hoffnung.“

Die ehemalige Politikerin und Mitbegründerin des Liberalen Forums Heide Schmidt griff Bünkers Stellungnahme auf, unterstrich jedoch, dass Verantwortung nicht nur beim Individuum zu suchen sein dürfe: „Es gibt diesen Satz: Wenn der Sozialstaat die Antwort auf die Industrialisierung war, dann ist das bedingungslose Grundeinkommen die Antwort auf die Digitalisierung. Darüber müssen wir in Zukunft reden“, sagte Schmidt. Individuen dürften nicht mit ihrer Freiheit alleingelassen werden, den Menschen müsse es auch ermöglicht werden, in Freiheit zu leben.

Dem stimmte die unter anderem in Krems lehrende Ulrike Guérot zu. Wir leben in zunehmend individualisierten und zerbröckelnden Gesellschaften, denen das Verbindende fehle, meinte Guérot. Zudem müsse eigenständiges Denken wieder verstärkt als Wert anerkannt werden. „In den letzten Jahren haben sich viele gesellschaftliche Grundüberzeugungen verschoben, wie im Bereich Militarisierung oder biometrische Daten, ohne dass wir das thematisieren würden.“ Ein solches fragloses Anerkennen sei immer gefährlich.

Die Sozialanthropologin Shalini Randeria ging in ihren Statements auf das Verhältnis von Individuen und Institutionen ein. „Natürlich tragen wir, wenn wir in einer globalisierten Welt leben wollen, auch globale Verantwortung.“ Das bedeute aber auch, Verantwortung von Staaten, internationalen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen einzufordern. Sie verwies dabei auf Ergebnisse ihrer Forschung: „Viele Staaten täuschen Schwäche vor, um sich in wichtigen Fragen aus der Verantwortung zu stehlen und diese den Individuen zu überlassen.“

Auch Viola Raheb von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien betonte die Bedeutung persönlicher Verantwortung, die jedoch nicht im akademischen Diskurs stehenbleiben dürfe: „Nicht immer führt wissenschaftliches Denken automatisch zu mehr Freiheit und Verantwortung. Denken Sie an die Zeit des Nationalsozialismus. Dort haben sich viele Wissenschaftler mit dem System arrangiert, während einfache Leute nach ihrem Gewissen gehandelt und dafür einen hohen Preis bezahlt haben.“

Die Matinee war Teil der Reihe „Europa im Diskurs“, geladen hatten das IWM, die Tageszeitung „Der Standard“, das Burgtheater, die ERSTE-Stiftung, Radio Österreich 1 sowie die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland. Die Diskussion kann am 2. November um 21.00 Uhr und am 3. November um 16.00 auf Ö1 nachgehört werden.

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ISSN 2222-2464