Bonhoeffers Impulse für Kirche und Christsein

In kritischer Solidarität gegenüber der Welt – Symposium zum 100. Geburtstag des großen evangelischen Theologen im Evangelischen Studentenheim Linz

Linz, 6. Februar 2006 (epd Ö) – Bonhoeffers Impulse für christliche Kirchen auf ihre Aktualität überprüfen und weiterdenken – das war das Ziel eines Symposiums, das das Evangelische Studentenheim Linz „Dietrich Bonhoeffer“ anlässlich des 100. Geburtstags des großen evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers am vergangenen Wochenende veranstaltet hatte. Unter dem Titel „Glauben lernen in einer mündigen Welt“ befassten sich Experten mit der Wirkungsgeschichte Bonhoeffers, der, so Tagungsleiter DDr. Franz Eichinger, „vom Glauben her die Welt in aller Sachlichkeit und Nüchternheit ernst nahm“. Nach Bonhoeffer gelte es, sich ohne ideologisch-religiöse Überhöhung und ohne Flucht in private Innerlichkeit gegenüber der mündigen Welt „in kritischer Solidarität“ zu bewähren.

Dietrich Bonhoeffers Ansage einer „religionslosen Zeit“ sei nicht als Prognose, sondern als Diagnose zu interpretieren, meinte der Linzer römisch-katholische Dogmatiker Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber. Bonhoeffers auch heute noch aktuelle Antwort: Christliche Verkündigung und Theologie müssen aufhören, Gott an den Grenzen des Lebens anzusiedeln. Gott dürfe nicht als „Lückenbüßer“ für unsere unvollkommene Erkenntnisfähigkeit missbraucht werden, denn „Gott ist mitten im Leben jenseitig“, wie es Bonhoeffer ausdrückte. „Christsein“ bedeute „nicht in einer bestimmten Weise religiös sein, sondern es heißt Menschsein.“ Dasselbe gelte von der Kirche, die nach Bonhoeffer „Kirche für andere“ zu sein hat.

Nachfolge

Die enge Verbindung von Theologie und Biographie, die Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers insgesamt kennzeichnet, prägt auch seine unvollendet gebliebene Ethik und ihre Entstehungsgeschichte. „Nachfolge“ war das Leitthema in Bonhoeffers Glauben, Leben und theologischer Lehre, erklärte der Wiener evangelische Systematiker Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner. Bonhoeffers Ethik lasse sich insgesamt als eine „durch den Gedanken der Nachfolge begründete Gestalt von Verantwortungsethik“ charakterisieren Wie Bonhoeffer gegen Ende seines Lebens schrieb, geht es freilich nicht darum, ein Heiliger zu werden, sondern glauben zu lernen. „Sich ganz Gott überantworten, ist die praktische Seite des Glaubens“, führte Körtner aus.

„Für wen hat die Kirche heute zu schreien? Wo werden wir heute schuldig, weil wir stumm bleiben?“, fragte Univ.-Prof. Dr. Martha Zechmeister, Fundamentaltheologin an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Passau. Es sei leicht, Bonhoeffer als Helden zu verehren, ihn „auf die Ehre der Altäre zu erheben“ und damit „für uns ungefährlich“ zu machen. Zu fragen sei jedoch, was das Bonhoeffer-Wort „Dem Rad in die Speichen zu fallen“ angesichts der schleichenden Massenvernichtung durch die gegenwärtige globale „Wirtschaftsunordnung“ bedeute. Eine glaubwürdige Rede von Gott vollziehe sich zentral und wesentlich „im Schreien für die Opfer – auch hier und heute“, betonte Zechmeister.

Bonhoeffer und Gandhi

Für den Leiter des Sozialreferates der Römisch-katholischen Diözese Linz, DDr. Severin Renoldner, ist Bonhoeffers Interesse für die „Schrecknisse der kolonialen Politik“ bemerkenswert. Seine Begegnungen mit schwarzen Christen in den USA haben ihn geprägt, sagte Renoldner. An Mahatma Gandhi habe Bonhoeffer der Frage nachgespürt, wie ethisch verantworteter politischer Widerstand in Deutschland möglich wäre. Der Versuch einer Kontaktnahme mit Gandhi zeige Bonhoeffers kulturelle und weltpolitische Offenheit. Wie Gandhi habe Bonhoeffer nach einer Methode gesucht, auf religiöser Basis Unrecht zu überwinden, politische Änderungen zu bewirken und den Glauben in der Nächstenliebe auch strukturell und politisch konkret werden zu lassen.

„Kirche für andere ist mutig und tatkräftig. Sie arrangiert sich nicht um jeden Preis mit den Mächtigen, sondern verbündet sich mit den Ohnmächtigen ihrer Zeit“, sagte der evangelische Gefangenenseelsorger Dr. Matthias Geist in seinem Referat. Kirche lebe nicht nur „vor und für, sondern mit den Gefangenen, Flüchtlingen, Unterdrückten und Notleidenden“.

Bonhoeffer und Stifter

Verbindungslinien zum oberösterreichischen Dichter Adalbert Stifter zog erstmals Oberkirchenrat Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, der das Symposium am Freitagabend mit seinem Vortrag eröffnete. Mehrfach nimmt Bonhoeffer in Briefen auf Stifter Bezug und empfiehlt seinen „Lieblingsschriftsteller“. Der Theologe stand unter dem Eindruck von Stifters „Witiko“, der, so Bünker, „selbst als Vertreter einer christlichen Weltlichkeit erscheint, die aus einer antiklerikalen Frömmigkeit erwächst“. An bestimmten Punkten, vor allem an der sprachlichen Gestalt, werde deutlich, dass Bonhoeffers Theologie durch die Lektüre Adalbert Stifters beeinflusst wurde, betonte der Oberkirchenrat. Zwei Gedanken fänden sich bei Stifter vorformuliert, die dann auch mit Bonhoeffers theologischem Denken korrespondieren: Die Diesseitigkeit des Glaubens und die Konzentration des Christseins „auf das Gebet und auf das Tun des Gerechten unter den Menschen“.

Das erste Buch, das Bonhoeffer in Tegeler Haft gelesen hat, ist erhalten geblieben: „Gedanken und Betrachtungen von Adalbert Stifter. Ein Brevier“. Bonhoeffer hat darin handschriftlich seinen vollen Namen eingetragen. Dieses Buch zeigt auch die Bonhoeffer-Wanderausstellung „Dem Rad in die Speichen fallen“, die ebenfalls am Freitagabend im Linzer Studentenheim eröffnet wurde. Der Name Bonhoeffer stehe nicht nur als Schriftzug auf dem evangelischen Studentenheim, „sein Leben, sein Werk, seine Theologie und sein konsequentes Auftreten gegen Hitler und den Nationalsozialismus werden in vielfältiger Weise in unsere Zeit hineingetragen“, unterstrich Altsuperintendent Mag. Hansjörg Eichmeyer. Nach mehr als 30 Stationen im In- und Ausland ist die Wanderausstellung dann ab Ende Februar auch in der oberösterreichischen Pfarrgemeinde Marchtrenk zu sehen.

Abgeschlossen wurde das Symposium, an dem rund 70 Personen teilnahmen, mit einem Gottesdienst am Sonntag in Linz-Dornach. In ihrer Predigt stellte Oberkirchenrätin Dr. Hannelore Reiner Bonhoeffer-Texte Bibelworten aus der Offenbarung gegenüber. Wer sich im Dunkel eines Tunnels befinde, brauche die Zusicherung, nicht allein zu sein, sagte Reiner. Der Zuspruch „Fürchte dich nicht“ „öffnet den Blick und lässt Zukünftiges in die Gegenwart hereinleuchten“.

Veranstaltet hatten das Symposium das Evangelische Studentenheim Linz „Dietrich Bonhoeffer“, der Ökumenische Bonhoeffer-Arbeitskreis Linz, das Evangelische Religionspädagogische Institut und das Sozialreferat der Diözese Linz.

ISSN 2222-2464