Blick über den Turm hinaus und Grenzen überwinden

Evangelische feierten Gustav-Adolf-Feste

Markt Allhau/Horn/Kindberg/Linz/Mittersill/Spittal a.d. Drau/Wien (epd Ö) – Über 4000 Menschen sind am Donnerstag, 11. Juni, in den evangelischen Diözesen zusammengekommen, um die traditionellen Gustav-Adolf-Feste zu feiern. „Weg vom Materialismus – hin zu einem tiefen Glauben!“ Dazu rief der Leiter des Werkes für Evangelisation und Gemeindeaufbau der Evangelischen Kirche in Österreich, Rektor Fritz Neubacher, die nahezu 2000 BesucherInnen des burgenländischen Gustav-Adolf-Festes in Markt Allhau auf. Im Festgottesdienst, bei dem Ortspfarrer Heribert Hribernig die Liturgie gestaltete, sagte Neubacher, in der Kirche gehe es darum, „dort anzupacken, wo wir von Gott her unsere Begabungen haben“. Superintendent Manfred Koch hob bei dem Fest hervor: „Menschen, die im Glauben an Jesus Christus leben, sind miteinander verbunden. Sie sind auf dem rechten Weg, der zur inneren Zufriedenheit führt.“

Vor einem „Verschwenden“ der gegenwärtigen Krise warnte Oberkirchenrat Karl Schiefermair, der die Grüße der Kirchenleitung überbrachte. Schiefermair sagte: „Wir werden uns neu besinnen müssen.“ Auch von zahlreichen Kommunal- und LandespolitikerInnen wurde das Gustav-Adolf-Fest besucht. Landeshauptmann Hans Niessl sprach in seinem Grußwort Dank und Anerkennung dafür aus, dass viele Evangelische das Burgenland aufgebaut und mitgeprägt hätten. Das gelte insbesondere für die Bereiche Bildung und Soziales. Der Landeshauptmann kündigte für Superintendent Koch die höchste Auszeichnung des Landes an, das Komturkreuz des Landes Burgenland. Landeshauptmann-Stellvertreter Franz Steindl bezog das Fest-Motto „Über den Turm hinaus“ auf ganz Europa. Die Gier der Menschen habe zu einer Wirtschaftskrise geführt, jetzt gelte es, sich wieder auf Werte wie Humanismus und Solidarität zu konzentrieren. Insgesamt waren an der Vorbereitung und Durchführung des Festes, das in der Halle und auf dem Gelände einer Großgärtnerei stattfand, mehr als 200 MitarbeiterInnen beteiligt.

Birgit Schiller in Horn: „Trennungen überwinden ist Auftrag Gottes“

Wie in Markt Allhau richteten sich die kirchentagsähnlichen Veranstaltungen in den einzelnen Diözesen mit eigenen Programmen auch an Kinder und Jugendliche. In Niederösterreich wurde den jüngsten BesucherInnen ein Kindermusical geboten, für die Jugendlichen begann die „Sommernacht“ in Horn schon am Vorabend. Für die Überwindung von Abgrenzungen und Trennungen als Auftrag Gottes hat sich Seniorin Birgit Schiller in ihrer Predigt beim niederösterreichischen Gustav-Adolf-Fest ausgesprochen. Über 400 Menschen aus ganz Niederösterreich sind am 11. Juni in Horn zusammengekommen, um Spuren der Trennungen und Wege zueinander nachzugehen. Symbolisch wurde beim Familiengottesdienst der Gottesdienstraum mit einem Grenzzaun versehen, an dem Teilnehmer Gründe für Tren-nungen aufschreiben konnten. Im Gloriateil wurde der Zaun abgebrochen und verbrannt. Sehr interessierte Zuhörer führte der Historiker Gustav Reingrabner in die Zeit von vor 400 Jahren, in der konfessionelle Gräben die evangelischen Adeligen motivierten, zur Durchsetzung ihrer Forderungen den „Horner Bund“ zu gründen. Eine Ausstellung in den Horner Stadtmuseen dokumentiert diese bewegende Geschichte. Grenzüberwindungen der anderen Art zeigt die Niederösterreichische Landesausstellung „Geteilt – Getrennt – Vereint“, die an diesem Tag ein Teil des Gustav-Adolf-Festes war. Kulturelle Grenzen überwand an der Orgel virtuos Gabriele Kramer-Webinger. Stadtführungen, offenes Singen und ein Raum der Stille vervollständigten das Angebot des niederösterreichischen Gustav-Adolf-Festes.

Gustav Adolf und Linz 09

In Oberösterreich wurde das Gustav-Adolf-Fest unter dem Motto „Verändert“ begangen. Mit diesem Thema wie auch in der Gestaltung der Einladung mit dem eingearbeiteten Logo von Linz 09 wurde auf die Kulturhauptstadt hingewiesen. Mehrere Veranstaltungen von Linz 09 konnten im Rahmen des Gustav-Adolf-Festes auch besucht werden. Rund 500 Evangelische waren in die oberösterreichische Landeshauptstadt gekommen. Pfarrerin Karin Jordak vom bayerischen Gustav-Adolf-Werk motivierte in ihrer Predigt über das Pfingstereignis zu einem „Aufbruch, dass wir das Leben freigeben, indem wir erzählen, was unser Leben ausmacht und uns wichtig ist“. Für das kirchliche Leben wünscht sich Jordak eine „veränderte Sitzungskultur mit weniger Verwaltung und mehr Gespräch“. Zum jüngsten Obmann des regionalen Gustav-Adolf-Vereins wurde Pfarrer Tom Stark aus Ried im Innkreis gewählt. Mit seinen 30 Jahren folgt er auf Pfarrer Ulrich Haas, der das Amt aus Krankheitsgründen zurücklegen musste. Einen besonderen Programmpunkt bildete in Linz der Dialog der Schauspielerin Ursula Ruhs und des Schauspielers Daniel Pascal über den einzigen „Weltstar“ von Linz, den Protestanten Johannes Kepler, der wegen seines Glaubens die Stadt im Jahr 1626 verlassen musste.

100 Jahre Lutherkirche in Spittal an der Drau

Das 100-Jahr-Jubiläum der Lutherkirche in Spittal an der Drau stand im Mittelpunkt des Kärntner Gustav-Adolf-Festes, das schon am Mittwochnachmittag begann. Die Festpredigt am Donnerstag im Schloss Porcia hielt Bischof Michael Bünker, der in Spittal auch aus dem „Kärntner Evangelium“ las. Neben dem Festgottesdienst im Schloss Porcia wurde auch ein „Gottesdienst anders“ in der Lutherkirche gefeiert, ebenso gab es einen eigenen Kindergottesdienst. Die weit über 1000 Besucherinnen und Besucher konnten ein vielfältiges Programm nutzen. Pfarrer Oliver Prieschl zeigte sich im Gespräch mit epd Ö beeindruckt über die starke öffentliche Präsenz der Pfarrgemeinde an diesem Tag: „Der Stadtpark war voll, überall waren Fahnen und Plakate zu sehen, die wir eigens für diesen Tag produzierten, insgesamt eine tolle Stimmung in der ganzen Stadt.“ Wie Prieschl betont, hätten sich auch zahlreiche nichtkirchliche Organisationen am Fest beteiligt.

Kindberg: Rosegger als „Vordenker der Ökumene“

„Miteinander glauben“ war das Leitthema des steirischen Gustav-Adolf-Festes in Kindberg. „Miteinander leben, handeln und glauben bringt mehr, da sich jeder mit seinen Eigenheiten und Qualitäten einbringen kann. So trägt jeder zum Glauben das Seine bei“, sagte Militärseelsorgerin Susanne Baus in ihrer Festpredigt. Landeskurator Horst Lattinger übermittelte die Grüße der Kirchenleitung und dankte allen ehrenamtlich Tätigen in den Evangelischen Gemeinden, da ohne deren Mitwirkung vieles in den vorwiegend kleinen Gemeinden nicht denkbar wäre. Eine Lesung aus Roseggers Schriften mit Johann Reischl und Nanna Rüscher, die Rosegger als „Vordenker der Ökumene“ würdigten, ein Orgel- und Violin-Konzert mit Bernhard und Johannes Hirzberger, Lieder vom Chor ZEITlos oder Gospels des African Choir waren weitere Programmpunkte in Kindberg.

„Der Glaube setzt uns in Bewegung“ lautete das Motto des Wiener Gustav-Adolf-Festes, das in der Pfarrgemeinde Wien-Hietzing gefeiert wurde. In seiner Predigt sprach der frühere re-formierte Landessuperintendent Peter Karner davon, dass Christen den Ausbeutern dieser Welt „um der Gerechtigkeit willen lästig werden“ müssen. Bei dem anschließenden Fest wurde Elisabeth Gutt, die seit 2004 über 1.500 Euro bei den Kindersammlungen gesammelt hat, zur „Gustav-Adolf-Königin“ gekrönt. Insgesamt hatten heuer neun Kinder mehr als 150 Euro gesammelt.

Bereits am 7. Juni feierte die Diözese Salzburg-Tirol ihr Gustav-Adolf-Fest in Mittersill. Im Rahmen des Festes wurde auch das neue Buch über die evangelischen Kirchen der Diözese präsentiert. In dem von Pfarrer Andreas Domby gestalteten Gottesdienst predigte Bischof Michael Bünker. Im Anschluss berichtete der Bischof im Rahmen eines Lichtbildervortrags von seiner Reise nach Israel und Palästina. Spaziergänge durch die kleine Stadt Mittersill oder ein Besuch des Nationalparkzentrums standen am Nachmittag des Festtages auf dem Programm. In Vorarlberg wird das Gustav-Adolf-Zweigvereinsfest am 28. Juni gemeinsam mit dem Sommerfest der evangelischen Kreuzkirche am Ölrain in Bregenz begangen.

ISSN 2222-2464