Bischof Bünker zur politischen Verantwortung der Evangelischen

Gastkommentar in „Der Standard“: „Aus dem Glauben wächst Weltzuwendung“ – Kritik an Integrations-Studie des Innenministeriums

Wien (epdÖ) „Wenn religiös motivierte Menschen, die sich politisch engagieren, automatisch in die Nähe der Taliban und irgendwelcher fundamentalistischer gewaltbereiter Abtreibungsgegner gerückt werden, wird Religion zum Popanz.“ Das schreibt der lutherische Bischof Michael Bünker in einem Gastkommentar in der Tageszeitung „Der Standard“ am 31. Oktober, dem Gedenktag der Reformation. In seinem Artikel nimmt Bünker kritisch Bezug auf eine im Auftrag des Innenministeriums erstellte Studie mit dem Titel „Integration in Österreich“, in dem unterstellt werde: „Je religiöser, umso schwieriger die Integration und umso bedenklicher für den säkularen Verfassungsstaat.“ Der Bischof dazu: „Gegen ein solches Bild kann ich als Protestant nur protestieren und frage mich, wie etwa Martin Luther und die anderen Reformatoren in den Augen des Innenministeriums dastehen würden, wenn man sich dort mit ihnen befasste?“

Wie Bünker in seinem Artikel erläutert, beende evangelische Freiheit „jede Untertanenschaft“ Das sei „ein wichtiger Impuls für die Religionsfreiheit, die von vielen zu Recht als Kern der erst später – oft auch neben und gegen die Kirchen – entwickelten Menschenrechte eingeschätzt wird“. Allerdings habe schon Martin Luther darauf hingewiesen, dass sich die Freiheit weder in privater Abgeschlossenheit noch in politischer Enthaltsamkeit äußere. Freiheit verwirkliche sich vielmehr „im selbstlosen Dienst an den Nächsten und dem Gemeinwohl“. Das bedeute auch im politischen Bereich: „Der Glaube wirkt sich aus in der Liebe.“

Zwei Gefahren

Auf zwei Gefahren, die es zu vermeiden gelte, macht Bünker in seinem Kommentar aufmerksam. Zum einen das Phänomen, „dass Religion der Politik den Takt vorgibt bzw. die Inhalte vorschreibt“. Wo immer das geschehe, hätten „über kurz oder lang die Anders- bzw. Nichtglaubenden einen schweren Stand im politischen Gemeinwesen“. Als Beispiel dafür nennt der Autor die Zeit des austrofaschistischen „Ständestaats“ in Österreich. Die andere Gefahr sei „durch eine Politik gegeben, die sich der religiösen Inhalte und Symbole positiv oder negativ bedient und so den Anschein erweckt, mit einer Art ´höherer Weihe´ ausgestattet zu sein“. Beispiel dafür sei die Verwendung des Kreuzes durch den FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache im Rahmen einer Kundgebung. Dies sei von den Kirchen und Religionsgemeinschaften als Missbrauch zurückgewiesen worden.

Bünker schreibt: „Weil die Weltzuwendung notwendigerweise aus dem Glauben erwächst, ermutigt die evangelische Kirche ihre Mitglieder, ihre Verantwortung für das Zusammenleben auch im öffentlichen Bereich wahrzunehmen und sich für die Schwachen und an den Rand gedrängten einzusetzen. Nicht trotz, sondern wegen der Religion.“ Zugleich erinnere die evangelische Kirche Politiker und Politikerinnen daran, „dass gute Politik eine verlässliche ethische Grundlage benötigt, die dem politischen Handeln über Feuerwehraktionen und den nächsten Wahltermin hinaus Wirkung verleiht.“ „Dass religiöse Überzeugungen – nicht allein, aber doch auch! – eine solche Grundlage im Bereich der Werte geben, steht für mich außer Frage“, betont der Bischof in seinem Artikel.

ISSN 2222-2464