Bischof Bünker: „Herausragendes Zeichen für Menschlichkeit“

Zweiter Festtag in Sopron zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ mit Podiumsgesprächen

Sopron (epd Ö) – Den Höhepunkt des zweiten Festtages stellten die Podiumsgespräche im Anschluss an die Andacht dar. Zeitzeugen, Historiker, Politiker und kirchliche Würdenträger diskutierten im Franz-Liszt-Konferenz- und Kulturzentrum in Sopron über die Auswirkungen des Falls des „Eisernen Vorhangs“. Der Bischof der Lutherischen Kirche in Österreich, Michael Bünker, bekräftigte die historische Dimension dieses Ereignisses. Vor allem der Umstand, dass diese Revolution nahezu gewaltlos vonstatten ging, imponiere ihm sehr: „Inmitten der europäischen Gewaltgeschichte ist dieses Ereignis ein herausragendes Zeichen für Menschlichkeit.“ Bünker, der auch Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist, betonte die große Rolle der Evangelischen Kirchen bei der Öffnung der Grenzen.

Wipf: Heute gibt es neue Grenzen, wie die der Armut

Auch für den Präsidenten der GEKE, Thomas Wipf, nimmt die Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ eine zentrale Rolle in der europäischen Geschichte ein. Er erinnere sich noch genau, wie er damals „mit Tränen in den Augen“ die bewegenden Bilder vom „Paneuropäischen Picknick“ im Fernsehen verfolgt habe. Gleichzeitig warf Wipf, der auch Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) ist, aber auch die Frage auf, inwieweit sich die durch den Fall des „Eisernen Vorhangs“ erhoffte Freiheit überhaupt erfüllt habe. Laut Wipf stehe man heutzutage vor neuen Grenzen, wie etwa Armutsgrenzen: „Gerade in dieser Zeit muss man wieder solidarisch miteinander handeln.“

Miklós Németh, der als ungarischer Ministerpräsident 1989 maßgeblich mitverantwortlich für den Erfolg der Grenzöffnung war, erinnert sich an die große Spannung, die rund um den 19. August 1989 in der Luft lag. Er selbst sei sehr aufgeregt gewesen angesichts der Tatsache, dass niemand genau sagen konnte, welche Auswirkungen die kurzfristige Öffnung des Grenzraumes innerhalb des „Paneuropäischen Picknicks“ haben würde. Weiters stellte Né-meth klar, dass diese Öffnung nicht eine Frage des persönlichen Verdienstes, sondern eine kollektive Leistung der Bevölkerung gewesen sei.

Emotionale Berichte von ehemaligen Flüchtlingen

Emotional wurde es beim persönlichen Bericht einer DDR-Flüchtigen, die so wie tausende andere versuchte, über Sopron und Österreich in den Westen Deutschlands zu flüchten. „Wir sind hineingerannt. Gerannt in ein neues Leben.“ Auch Horst Weber, ehemaliger Bürgermeister der Grenzgemeinde Lutzmannsburg, erinnerte sich an diese spannenden, aber auch mit Freude erfüllten Tage genau. Besonders die evangelische Gemeinde des Ortes habe sich für die Flüchtenden eingesetzt und diese im Pfarrhaus mit dem Nötigsten versorgt. Eine, die bei der Hilfe für die Grenzgänger in nächster Nähe dabei war, ist die Leiterin der Burgenländischen Frauenarbeit, Susanna Hackl. Hackl stellte besonders die Leistungen der ungarischen und österreichischen Frauen in den Vordergrund, „die sich mit größter Hingabe für eine gute Unterkunft und Versorgung der Menschen eingesetzt haben“. Moderiert haben die Veranstaltung Dorottya Kelemen und Walter Reiss vom ORF-Landesstudio Burgenland. Musikalisch begleitet wurde das Programm von einem Streichquartett bestehend aus Musikern des Haydnkonservatoriums Eisenstadt.

ISSN 2222-2464