Bildungsgerechtigkeit erfordert gesellschaftlichen Wandel

Schule selektiert noch immer nach viel zu starren Vorgaben, ohne dabei auf die tatsächlichen Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler einzugehen, krisiert der Rektor der "Diakonie Eine Welt", Michael Bubik. Foto: Ben Nausner
Schule selektiert noch immer nach viel zu starren Vorgaben, ohne dabei auf die tatsächlichen Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler einzugehen, krisiert der Rektor der „Diakonie Eine Welt“, Michael Bubik. Foto: Ben Nausner

Podiumsdiskussion im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen

Wien (epdÖ) Ein gesamtgesellschaftlicher Wandel ist notwendig, wenn es in Zukunft in Österreich mehr Bildungsgerechtigkeit geben soll. Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion zum Thema „Bildung und Gerechtigkeit“, die am Freitag, 29. Mai, im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen in der evangelisch-methodistischen Gemeinde Wien-Fünfhaus stattgefunden hat.

Der Rektor der „Diakonie eine Welt“, Michael Bubik, forderte einen gesellschaftlichen Wandel hinsichtlich der Schulbildung. „Nur wenn es allen gut geht, kann es auch mir gut gehen“, betonte Bubik angesichts der unterschiedlichen Chancenverteilung von Schülerinnen und Schülern verschiedener sozialen Schichten. Schule würde noch immer nach viel zu starren Vorgaben selektieren, ohne dabei auf die tatsächlichen Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler einzugehen.

In diesem Zusammenhang verwies Bubik auf die Wichtigkeit von konfessionellen Schulen in der österreichischen Bildungslandschaft. Den konfessionellen Schulen würde oft das Image als Privatschulen zuteil, dabei seien es gerade die kirchlichen Schulen die benachteiligte Schüler, wie beispielsweise Migranten oder auch Schüler mit besonderen Bedürfnissen in hohen Maße fördern. Dafür müsse es aber auch eine ausreichende Finanzierung geben, „zurzeit ist das Schulwesen leider chronisch unterfinanziert“, befand Bubik.

„Bildung ist mehr als das, was in der Schule passiert“, betonte die Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, Beatrix Mayrhofer. Die ehemalige Leiterin des katholischen Schulzentrums Friesgasse im 15. Wiener Bezirk berichtete dabei aus ihrer langjährigen Berufserfahrung. Viel eher müsse für jedes Kind die sozialen Möglichkeiten und Voraussetzungen geschaffen werden, um eine gute Bildung zu gewährleisten. Das fange damit an, dass manche Kinder nicht einmal einen Schreibtisch haben um Hausaufgaben zu erledigen oder deswegen unkonzentriert in den Unterricht kommen, weil sie zuhause nicht die Möglichkeit hatten ausreichend zu schlafen. Des Weiteren müsse der Berufstand des Lehrers wieder ein höheres gesamtgesellschaftliches Ansehen erhalten. „Alle wollen gute Bildung, aber die, die Bildung vermitteln, werden verachtet“, so Mayrhofer. Die Lehrer sollten wieder stolz auf ihren Berufstand sein können, der immens wichtig sei für die Entwicklung einer Gesellschaft, stattdessen habe sie aber eher den Eindruck, dass Lehrer sich ob ihrer Berufswahl rechtfertigen müssen.

Für den Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann von der Universität Wien muss die Politik endlich damit aufhören, immer die Lehrer für schlechte Ergebnisse, beispielsweise beim Pisa-Test, verantwortlich zu machen. „Wenn die Politik nicht in der Lage ist, vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen, kann man nicht immer den Lehrern den Schwarzen Peter zuschieben“, sagte Hopmann bei der Diskussion. Viel eher müsse man davon abkommen, alles quantifizieren und messen zu wollen. Heutzutage mangele es bei den Schülern oft schon an elementaren sozialen gesellschaftlichen Umgangsformen. An dieser Stelle müsse die Schule viel mehr „kultivieren“, um den jungen Menschen überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Der Vorsitzende des Zentralausschuss AHS, Gerhard Riegler, schlug in die gleiche Kerbe. Es werde immer suggeriert, dass Bildung erst in der Schule beginne; bei Schülern, die aber schon vor ihrer Schulzeit keine ausreichende Förderung erhalten haben, würde auch der engagierteste Lehrer scheitern, sagte Riegler.

Die Gesellschaft müsse so solidarisch sein, dass allen Mitgliedern Bildungsgerechtigkeit in gleichem Maße zukommt, forderte der methodistische Superintendent von Makedonien, Wilfried Nausner. Auch er ortet das Hauptproblem nicht in der Schule sondern schon bei den Eltern. „Wir müssen wieder ein besseres Bewusstsein für die Elternschaft entwickeln“, so Nausner.

Johanna Tradinik von der Bundesjugendvertretung plädierte für ein durchlässigeres Bildungssystem. Kinder aus bildungsfernen Schichten hätten noch immer kaum Chancen auf einen Aufstieg im Bildungssystem. Die Talente der Kinder würden außerdem oftmals nicht gefördert, sondern viel eher die Defizite aufgezeigt. Auf diese Weise werde „viel zu viel Potential verschenkt“, ist Tradinik überzeugt.

ISSN 2222-2464