Bibel in gerechter Sprache

Studiennachmittag und Projekt-Präsentation in Wien – Bünker: „Luther würde sich heute dem Projekt anschließen“

Wien, 13. April 2005 (epd Ö) Seit 2001 arbeiten mehr als 50 ÜbersetzerInnen an einer neuen Übersetzung der Bibel in eine „gerechte Sprache“. Hierunter versteht der Herausgeberkreis um den Vorsitzenden, Prof. Dr. Peter Steinacker, Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, eine Übersetzung in eine dem Menschen von heute verständliche Sprache, die zugleich – wie Luise Metzler (Bielefeld) am Dienstag, 12. April, bei der Präsentation des Projekts im Albert Schweitzer Haus betonte – „andere nicht ausgrenzen oder diffamieren will“. Als betont ökumenisches und von kirchlichen Institutionen unabhängiges Projekt strebe man somit auch nicht an, die anderen Übersetzungen zu ersetzen, sondern diese zu ergänzen, so Metzler.

Die Idee zu diesem Projekt verdanke sich „dem Wunsch der Basis“, was konkret bedeutet: den innerkirchlichen Frauenbewegungen sowie den Ergebnissen des jüdisch-christlichen Nachkriegsdialogs. Hieraus seien die vier Leitlinien des Projektes entstanden. Die Übersetzung „in gerechte Sprache“ soll den hebräischen und griechischen Quellen im Wortlaut gerecht werden, eine Sprache aufweisen, die die in den Texten genannten oder mitgemeinten Frauen sichtbar und als heute angesprochen erkennbar werden lässt, dem Gespräch mit dem Judentum gerade hinsichtlich der Gefahren antisemitischer Auslegungen (so z.B. der Gegenüberstellung Altes Testament = zorniger Gott, Neues Testament = barmherziger Gott) gerecht werden und eine dem Menschen heute verständliche Sprachform wählen. Derzeit befinde man sich in der Korrekturphase, doch zeigte sich Metzler zuversichtlich, dass der angepeilte Erscheinungstermin im Herbst 2006 eingehalten werden kann.

Dr. Detlef Dieckmann (Berlin) und Dr. Silke Petersen (Hamburg) präsentierten im Anschluss an die allgemeine Einführung konkrete Probleme bei der Übersetzung anhand ausgewählter Beispiele aus Altem wie Neuem Testament. Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker hob in seinem Vortrag die Bedeutung des Projektes für den Fortgang der Ökumene wie für die gesellschaftliche Praxis hervor. Das Projekt lasse einen heute auch in der Ökumene zur Anwendung kommenden Pluralismus greifbar werden, der nichts mit Beliebigkeit zu tun habe, sondern sich ganz dem „dialogischen Grundprinzip des biblischen Kanons“ verpflichtet wisse und die Bibel (die „alte Lehrerin, wie Bünker mit Dorothee Sölle anmerkte) als „die andere Stimme der Tradition“ wieder diskursfähig mache. Luther habe sich laut eigenem Bekunden bemüht, „dem Volk aufs Maul zu schauen“ und dennoch dem Wortlaut des Textes gerecht zu werden. Nicht anderes versuche man auch in diesem Projekt. Bünker: „Luther würde sich heute dem Projekt anschließen“.

Vorangegangen war der Präsentation ein Studiennachmittag mit drei Workshops. Anhand einzelner Textpassagen erörterten die TeilnehmerInnen die Frage nach einer den Quellen angemessenen und zugleich verständlichen Sprache.

Veranstaltet hatten den Studientag die Evangelische Akademie Wien, die Evangelische Frauenarbeit Österreich, die ARGE Evangelischer Theologinnen, der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der Weltgebetstag der Frauen in Österreich und die Bibelwissenschaftlichen Institute der Universität Wien.

ISSN 2222-2464