Bachmannpreis: Gewinnerin Tanja Maljartschuk über Migration

Die spätere Siegerin Tanja Maljartschuk vor ihrer Lesung. Foto: Walter Pobaschnig
Die spätere Siegerin Tanja Maljartschuk vor ihrer Lesung. Foto: Walter Pobaschnig

„Starke soziale Sensibilität“ der Beitragstexte

Klagenfurt (epdÖ) – „Klagenfurt ist ein Ort der vielen Geschichten. Es ist ein Ort der Beseelung. Wir lesen, wir schreiben. Wir stehen bei den Verlassenen.“  Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu betonte in seiner Eröffnungsrede der 42.Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt vom 4. bis zum 8. Juli den „Wert der Worte“ als kritische persönliche und gesellschaftliche Ansprache. Worte, Texte und Geschichten seien Aufmerksamkeitsmomente, die das Leben in seiner raschen Bewegung auf das Gewissen rückbinden und den Menschen in Wert, Freiheit und Solidarität wachsen lassen. Den gesellschaftlich Ausgegrenzten gelte dabei auch ein besonderer Wort-Blick: „Wir stehen bei den Verlassenen“. Höhepunkt der Tage der deutschsprachigen Literatur ist jeweils die Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises, der an die namensgebende evangelische Dichterin erinnert und als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum gilt.

„Es sind Begegnungen mit Menschen, die mich inspirieren“

„Es sind die Begegnungen mit Menschen und ihren Orten des gegenwärtigen Lebens und ihrer persönlichen Herkunft, die mich auch textlich inspirieren. Migranten, wie ich selbst, Freunde und Bekannte sind es, denen ich zuhöre und deren Geschichten mich auch im Schreiben bewegen“,  erläuterte die diesjährige Bachmannpreisträgerin, die in der Ukraine geborene und in Wien lebende Tanja Maljartschuk, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst ihren Zugang zur Literatur. In ihrem Siegertext „Frösche im Meer“ wurde sowohl die existentielle Spannung am persönlichen Lebensweg im generationenübergreifenden Beziehungsanspruch wie auch die gesellschaftlich gefährdete Position und Haltlosigkeit als EmigrantIn manifest: „Pedro löste sich unter den Fremden auf, und niemand suchte nach ihm…“

Der BKS Publikumspreis, verbunden mit dem Stadtschreiberamt in Klagenfurt, ging an die Wienerin Raphaela Edelbauer, die mit ihrem Text „Das Loch“  historische Bezüge und gesellschaftlich wie psychoanalytische Reflexionen verband. Dem in Berlin lebenden Autor Bov Bjerg wurde für seinen Text „Serpentinen“ – der Geschichte einer Vater-Sohn Beziehung in aufmerksamer Sensibilität – der Deutschlandfunkpreis zugesprochen. Der KELAG Preis ging an Özlem Özgül Dündar für den Text „und ich brenne“, der in sprachlicher Kraft vier Frauen und Mütter zu Wort kommen lässt, deren Ansprache um das dramatische Geschehen eines Brandanschlages kreist. „Warten auf Ava“, der Text der Schweizerin Anna Stern, wurde mit dem 3sat Preis ausgezeichnet. Inhaltlich steht dabei das Warten auf das Erwachen der  bewusstlosen Wanderin „Ava“ im Mittelpunkt, in dem nun verschiedene Zeit- und Existenzebenen ineinandergreifen.

Juryvorsitzender Hubert Winkels: „Lust am Erzählen“

In den Texten der 14 teilnehmenden AutorInnen  aus Österreich, Ukraine, Türkei, Schweiz und Deutschland zeigte sich „eine Lust am Erzählen, die Freude an einer Geschichte, hinter der die Sprache selbst als Konstruktions-, Erfahrungs- und Reflexionsmedium zurücktrat“, fasste Juryvorsitzender Hubert Winkels im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst zusammen. Dies sei auch grundsätzlich eine Tendenz gegenwärtiger Literatur. Thematische Bezüge zum Schreiben Ingeborg Bachmanns erkannte Winkels in der „starken sozialen Sensibilität“ der diesjährigen Texte, die „Macht und Ohnmacht in der Gesellschaft“ aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Literatur drücke grundsätzlich eine „Sinndimension“ als wesentlicher Menschen- und Gesellschaftsbaustein über wechselnde Texttendenzen hinweg aus.

Bereits am 2.Juli fand eine besondere Skulpturenenthüllung für Ingeborg Bachmann in Obervellach bei Hermagor statt. Der Bildhauer Herbert Unterberger setzte dabei Brunnenwasser als Symbolik des Lebendigen wie auch Religiösen mit einer dreiblättrigen Steinstruktur, die auf das schriftstellerische Schaffen wie auch das Leben der Schriftstellerin verweist, in einen beeindruckenden ästhetischen Dialog. Die in Klagenfurt geborene Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926-1973) stammte väterlicherseits aus einer historisch tief verwurzelten evangelischen Familie im Kärntner Gailtal und ist Namensgeberin des Hauptpreises der Literaturtage in Klagenfurt. Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird von der Stadt Klagenfurt seit 1977 vergeben. Der erste Preisträger war Gert Jonke – der in Klagenfurt geborene Dichter und Dramatiker (1946-2009) war wie Ingeborg Bachmann evangelisch.

epdÖ/wp

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ISSN 2222-2464