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Ausstellung „Gratwanderungen“: „Weil die Stimmen der Zeitzeugen immer leiser werden“

Schulprojekt im Evangelischen Gymnasium Wien informiert über das während der NS-Zeit gegründete kirchliche „Entjudungsinstitut“ in Thüringen

Wien (epd Ö) – „Gratwanderungen“ ist der Titel einer Ausstellung über das kirchliche „Entjudungsinstitut“ in Thüringen, die am Montag, 7. April, im Evangelischen Gymnasium Wien eröffnet wurde. Gestaltet wurde die Ausstellung – sie war bereits in der Grazer Heilandskirche zu sehen – von Schülerinnen und Schülern des Martin-Luther-Gymnasiums in Eisenach (D). Sie gehen darin der menschenverachtenden Arbeit des Instituts nach, das 1939 von elf evangelischen Landeskirchen Deutschlands gegründet wurde und bis 1945 bestand.

Der Name der kirchlichen Einrichtung war Programm: „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Hauptaufgabe des Instituts war die Eliminierung aller jüdischen Spuren aus den Schriften des Neuen Testaments und des evangelischen Gesangbuches. Die heute unumstrittenen Wurzeln des Christentums im Judentum wurden geleugnet und sollten beseitigt werden. Die Ausstellung zeigt, dass Wörter wie „Zion“ oder „Hosianna“ aus dem Gesangbuch getilgt worden sind. Problematisiert werden auch die theologischen Grundsätze des Instituts und seiner deutschlandweit etwa 200 Mitarbeiter. Nach diesen wurde Jesus zum „Arier“ erklärt und dem „Judentum in allen Stücken entgegengesetzt“ dargestellt. So widmet sich ein Teil der Ausstellung dem Phänomen und der Geschichte der christlichen Judenfeindschaft.

Besonderes Augenmerk lenkt die Ausstellung auf die Rolle der Thüringer Landeskirche während der Zeit des Nationalsozialismus. Bereits sehr früh und besonders stark hatte in Thüringen die Bewegung der „Deutschen Christen“ Fuß gefasst. Dokumentiert wird, dass die Landeskirche „im Gleichschritt mit der nationalsozialistischen Rassenpolitik“ gelaufen ist. Vor diesem Hintergrund befasst sich die Ausstellung auch damit, wie die Kirchenleitung mit ihrer eigenen Vergangenheit und der Arbeit des „Entjudungsinstituts“ umgegangen ist. Das Institut war zwar 1945 durch die Kirchenleitung geschlossen worden, kritisiert wird jedoch die sehr späte Auseinandersetzung mit der Geschichte des Instituts durch die Kirchenleitung. Erst Mitte der Neunziger Jahre ist insbesondere durch Studientage des Predigerseminars der Landeskirche damit begonnen worden, die Geschichte des Instituts aufzuarbeiten.

„Dunkles Thema“

Anlässlich der Eröffnung in Wien diskutierten am Montagabend unter der Leitung der ORF-Moderatorin Doris Appel der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, die Generalsekretärin des Österreichischen Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus und des Allgemeinen Entschädigungsfonds, Hannah Lessing, der Direktor des Eisenacher Gymnasiums, Thomas Giesa, und der Historiker Dirk Rupnow.

Mit der Ausstellung rücke ein „dunkles Thema“ evangelischer Kirchengeschichte in den Blickpunkt, sagte die gastgebende Direktorin des Evangelischen Gymnasiums, Elisabeth Sinn, in ihrer Begrüßung. Für Bischof Bünker ist die Ausstellung „ein deutliches Zeichen, dass es sich lohnt, mit SchülerInnen Themen der Vergangenheit aufzuarbeiten“. Bünker erinnerte an die Rolle des Theologieprofessors Gerhard Kittel, der seit 1936 in der Münchner Zweigstelle des „Instituts zur Erforschung der Judenfrage“ mitarbeitete und ab Herbst 1939 bis April 1943 den Lehrstuhl für Theologie in Wien innehatte. Auch die Evangelisch-Theologische Fakultät in Wien habe „ihren Anteil an der Entwicklung“, sagte Bünker. Kirche sei in diesen Jahren, wie Karl Barth es bezeichne, „fremdhörig“ geworden. Heute gehe es um das Lernen aus der Geschichte, damit solche Entwicklungen, wie sie die Ausstellung dokumentiere, unmöglich gemacht werden.

Österreich habe sich sehr lange hinter der Opfertheorie versteckt, meinte Hannah Lessing vom Nationalfonds, der, wie Lessing unterstrich, nicht nur jüdische Opfer betreue. 30.000 Lebensgeschichten fänden sich mittlerweile in den Archiven. Es gehe nicht nur um eine symbolische Anerkennung der Opfer, sondern um ein „nachhaltiges Bewusstsein“ für das, was damals passierte. Weil die „Stimmen der Zeitzeugen leiser werden, müssen wir das für sie übernehmen“, sagte Lessing. Dieses Schulprojekt sei ein gelungenes Beispiel dafür.

Die Ausstellung richtet an den Besucher/die Besucherin auch die Frage: „Wie hätte ich reagiert?“ „Eine legitime Frage“, wie der Direktor des Gymnasiums Eisenach, Thomas Giesa, erklärte. Es sei bemerkenswert, dass sich Schülerinnen und Schüler trotz aller Schwierigkeiten auf dieses Thema eingelassen hätten. Die von den Nationalsozialisten institutionalisierte „Judenforschung“, das „Einschreiben in die Geschichte“, ist für den Historiker Dirk Rupnow ein Versuch, „das physische Auslöschen zu kompensieren“. Wissenschaftler hätten damals nicht blind agiert, „sie wussten, was sie taten“, so der Historiker.

Die Ausstellung läuft bis Ende April, geöffnet ist sie Montag

bis Freitag von 8 bis 17 Uhr.

ISSN 2222-2464