„Aus christlicher Sicht keine Schlussstrichmentalität“

In seiner Rede bei der Gedenkveranstaltung für das ehemalige KZ Loibl Nord betonte Bischof Bünker die Bedeutung des Erinnerns.
In seiner Rede bei der Gedenkveranstaltung für das ehemalige KZ Loibl Nord betonte Bischof Bünker die Bedeutung des Erinnerns.

Bischof Michael Bünker bei Gedenken am KZ Loibl

Klagenfurt (epdÖ) – „Aus christlicher Sicht gibt es keine ‚Schlussstrichmentalität‘ und kein Recht auf Vergessen. Das Gedenken ist dem Christentum wie dem Judentum tief eingepflanzt.“ Das betonte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker in seiner Rede bei der internationalen Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an das KZ Loibl Nord am Samstag, 18. Juni. Zwischen 1943 und 1945 wurden am Loiblpass, einer Außenstelle des KZ Mauthausen, beim Bau des Tunnels KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen eingesetzt, 40 Menschen überlebten die Tortur nicht.

Gedenken bedeute heute „Eintreten für Menschenrechte und Menschenwürde, insbesondere für die Angehörigen von Minderheiten, für Asylsuchende, für Bootflüchtlinge im Mittelmeer“ ebenso wie „Auftreten gegen Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, gegen Rassismus und Nationalismus“, sagte der Bischof am ehemaligen Appellplatz des KZ auf der Kärntner Seite des Loibltunnels. „Das, was hier getan wurde“, so der Bischof weiter, „verpflichtet uns zur Wachsamkeit, zur politischen Einmischung und zur Zivilcourage“.

Die Spuren des Grauens drohten von Gras und Gebüsch überwuchert zu werden, wenn nicht durch die Initiative des Mauthausen Komitees Kärnten/Koroska unter Federführung von Peter Gstettner „die Geschichte dem Vergessen entrissen“ worden wäre. Bünker: „Hier, wo der Nazi-Terror alle Grenzen überschritten hat, erkennen wir unsere Aufgabe, die Grenze der Menschlichkeit, die Grenze von Recht und Gerechtigkeit nicht zuwachsen zu lassen von der kollektiven Sehnsucht nach Vergessen und dem Gefühl der Unzuständigkeit und Ohnmacht.“

An die schrecklichen Verbrechen zu erinnern, bedeute immer auch, die eigene Schuld einzugestehen, „die Schuld derer, die mitgemacht oder weggeschaut haben“. Diese Schuldeinsicht stelle sich „insbesondere für Christen“. „Insgesamt war die evangelische Kirche schuldhaft verstrickt in die dunkle Zeit“, sagte der Bischof und rief die Erklärung der Generalsynode von 1998 in Erinnerung, in der es wörtlich heißt: „Mit Scham stellen wir fest, dass unsere Kirche sich für das Schicksal der Juden und ungezählter anderer Verfolgter unempfindlich zeigte. Wir bekennen, dass wir als Kirche in die Irre gegangen sind.“ Die Kirche habe gegen sichtbares Unrecht nicht protestiert, sondern „geschwiegen und weggeschaut“, sie sei nicht, wie es der große evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer ausgedrückt habe, „dem Rad in die Speichen gefallen“.

„Aber Bonhoeffer war ein Einzelner“, meinte Bünker. Solche „wenige Einzelne“ habe es auch in der Evangelischen Kirche in Österreich gegeben, wie etwa den evangelisch-reformierten Pfarrer Zsigmond Varga, der wegen seiner regimekritischen Predigten ermordet wurde, oder Mary Holzhausen, die unter Lebensgefahr Häftlinge auf dem Todesmarsch mit Brot und Wasser versorgte, oder Robert Bernardis, den „österreichischen Stauffenberg“, den sein Gewissen in den Widerstand geführt hatte. Erst das Eingeständnis der Schuld und eine „möglichst wahrhaftige Aufarbeitung des Vergangenen“ hätten, so der Bischof, „einen Neuanfang für die Kirche und in der Kirche“

ISSN 2222-2464