Armutskonferenz weist auf Lücken in der Armutsbekämpfung hin

Studie zur Bestandsaufnahme der Leistung sozialer Dienste in der Vermeidung und Bekämpfung von Armut präsentiert

Wien, 18. Oktober 2006 (epd Ö) – „Soziale Dienste in der Armutsbekämpfung stehen Menschen bei, wenn niemand mehr da ist“, sagte der Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitarbeiter der Armutskonferenz, Martin Schenk, bei einer Pressekonferenz am Montag, 16. Oktober, in Wien. Anlässlich des UN-Tags gegen Armut am 17. Oktober präsentierte die Armutskonferenz eine Studie über die Leistungen sozialer Dienste in der Vermeidung und Bekämpfung von Armut. Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsuniversität Wien und dem Österreichischen Komitee für Soziale Arbeit durchgeführt und vom Bundesministerium für Soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz finanziert. Als Ergebnis weist die Bestandsaufnahme der Arbeit sozialer Dienste auf Lücken in der Armutsbekämpfung hin. Die Armutskonferenz zog Bilanz und forderte u.a. den Ausbau eines zweiten und dritten Arbeitsmarktes, den Ausbau des Leistungsangebotes für Menschen mit Migrationshintergrund und der Leistungen in der Gesundheitsversorgung sowie eine stärkere finanzielle Unterstützung der Einrichtungen.

Schenk nannte als „Botschaft der Studie“, dass „die Menschen in der Armutsbekämpfung als Ganzes“ gesehen werden müssten. Der Sozialexperte berichtete von einer durchschnittlichen zehnmonatigen Betreuung, die KlientInnen in Anspruch nehmen würden. „Armut ist, wenn jemand sein Leben auf einem Drahtseil in Balance halten muss.“ Die psychische Belastung durch Armut führe oft zu Erkrankungen, so Schenk, doch „in der Gesundheitspolitik in Österreich“ gebe es „zu wenig Augenmerk auf soziale Lebensbedingungen“.

Im Rahmen der einjährigen Studie sind 561 Nichtregierungsorganisationen befragt worden, ein Drittel hatte geantwortet. Im Durchschnitt, so die Armutsforscherin Karin Heitzmann, betreuen Sozialorganisationen jährlich rund 500.000 Menschen. Wie die Universitätsassistentin im Institut für Sozialpolitik an der Wirtschaftsuniversität Wien erklärte, überlappen sich die Problemfelder, „warum man in Armut gerät und auch darin bleibt“. Die Sozialorganisationen könnten sehr effektiv arbeiten, „weil sie den Menschen als Ganzes sehen“. Deshalb gebe es ein „extrem breites und niederschwelliges Angebot“. Die Armutsforscherin forderte mehr Maßnahmen zur Verbesserung der Lebens- und Alltagsbewältigung, ein größeres Angebot von Wohnungs- und Übernachtungsmöglichkeiten und eine stärker anonymisierte Beratung.

Der Generalsekretär der Caritas Österreich, Stefan Wallner, gab zu bedenken: „Je notwendiger jemand die Hilfe des Sozialstaates braucht, desto zögerlicher wird sie ihm von staatlicher Seite gewährt.“ Als „Stiefkinder des Arbeitsmarktes“ sieht Wallner die Menschen, „die schon länger arbeitslos sind“, keine „gefragte Qualifikation“ vorweisen könnten und „psychisch und physisch nicht in der Lage“ wären, zu arbeiten. Ferner bezeichnete Wallner die Zusammenarbeit von AMS und Sozialämtern als mangelhaft. Die Behörden würden dazu tendieren, sich die Betroffenen gegenseitig zuzuschieben. Angesprochen auf das Modell einer Grundsicherung trat Wallner für eine „bedarfsorientierte Grundsicherung“ ein und sprach von einer notwendigen Anbindung eines Grundsicherungsmodells an den Arbeitsmarkt.

Michaela Moser, Vizepräsidentin von European Anti-Poverty Network (EAPN) und Mitarbeiterin der Armutskonferenz, verwies außerdem auf den Aspekt der Beteiligung der KlientInnen. „Wichtig ist, dass alle Akteure einbezogen sind, um soziale Hilfen zu verbessern.“ Moser forderte eine qualitätsvolle Arbeitsmarktpolitik, soziale Sicherung und gut ausgebaute soziale Dienstleistungen.

Weitere Informationen: www.armutskonferenz.at

ISSN 2222-2464