Armutskonferenz: Armutsanstieg nicht verharmlosen

5,9 Prozent von akuter Armut betroffen – Schenk: „Armut ist Stress, Armut macht krank“

Wien (epd Ö) – Vor der Tendenz, den Armutsanstieg zu verharmlosen und zu verdrängen, warnt die Armutskonferenz. „5,9 Prozent sind akut arm, das sind 460.000 Personen“, zitiert Martin Schenk, Sozialexperte der Armutskonferenz, den aktuell erschienen Sozialbericht. Die Betroffenen haben laut Armutskonferenz geringes Einkommen weit unter dem Schwellenwert von 780 Euro und können abgetragene Kleidung nicht ersetzen, die Wohnung nicht angemessen warm halten und keine unerwarteten Ausgaben tätigen. Sie weisen einen schlechten Gesundheitszustand auf, sind chronisch krank und leben oft in feuchten, schimmligen Wohnungen.

Mindestens eine dieser Lebensbedingungen müsse zutreffen, um von akuter Armut sprechen zu können, meist sind es mehrere. Armutsgefährdung weise auf knappe Ressourcen hin, sei aber nicht mit Armut zu verwechseln. Neben dem Einkommen gehe es bei Armut „immer um schwierige und eingeschränkte Lebensbedingungen“. Erst wenn beides zusammenkomme, könne von Armut gesprochen werden. Schenk: „Armut ist Stress, Armut macht krank, Armut macht einsam.“

Armut nimmt Zukunft

Besonders bei länger andauernden Einkommenseinbußen werden in Armutshaushalten anteilige Ausgaben für Bildung und Kultur zugunsten der Ausgaben für Ernährung und Wohnung verringert. „Armut nimmt Zukunft“, analysiert Schenk. Die Mobilität aus der Armut heraus stehe in enger Wechselbeziehung zu gesellschaftlicher Ungleichheit insgesamt. Je sozial polarisierter eine Gesellschaft sei, desto mehr Dauerarmut existiere und desto stärker beeinträchtigt seien die Zukunftschancen benachteiligter Jugendlicher, warnt der Sozialexperte. Erfahrungsgemäß habe jede Partei ihre „Lieblingsarmen“, was eine ganzheitliche Sicht in der Armutsbekämpfung erschwere. Neben Alleinerzieherinnen, Pensionistinnen und kinderreichen Familien gehören auch Immigranten und Langzeitarbeitslose zu den hauptgefährdeten Gruppen.

Zahl der akut Armen steigt

ImmigrantInnen sind laut Sozialbericht auch nach längerer Aufenthaltsdauer mit Barrieren konfrontiert, die die Integration in den Arbeitsmarkt erschweren. Es komme darauf an, welche Erwerbsmöglichkeiten einer bestimmten Bevölkerungsgruppe auf dem Arbeitsmarkt überhaupt offen stehen. Weiters weist der Sozialbericht auf die große Zahl von working poor hin. „Dies zeigt, dass nicht allein sozial ist, was Arbeit schafft; sondern sozial ist Arbeit, wenn man von ihr leben kann“, präzisiert Schenk.

Die Zahl der akut Armen steigt, so der Experte des Anti-Armutsnetzwerkes, das im Jahr über 100.000 Hilfesuchende unterstützt und betreut. Ein weiterer Indikator, der auf das wachsende Risiko sozialen Absturzes hinweist, ist die ansteigende Zahl der SozialhilfebezieherInnen, dramatisch zugenommen haben die Richtsatzergänzungen für Arbeit Suchende, was auf die anwachsende Zahl von Billig-Jobs zurückzuführen ist. Viele arbeiten voll mit teils zwei oder drei solcher Jobs und kommen trotzdem nicht über die Runden. Die Beratungs- und Hilfsorganisationen der Armutskonferenz beobachten seit zwei Jahren Wartelisten in der Schuldenberatung, eine wachsende Zahl von Menschen in psychischen Krisen bei den psychosozialen Diensten und einen Anstieg Hilfe Suchender in den Sozialberatungsstellen.

ISSN 2222-2464