Allein ist nicht genug – Reformationsempfang 2009

Gesine Schwan: Wettbewerb hat Menschen vereinzelt – Bischof Bünker: Quellen des Mitgefühls lebendig halten – Diakoniepreis 2009, beste Fachbereichsarbeit und ausgezeichnetes Filmprojekt

Wien (epd Ö) – „Allein ist nicht genug“ – der gleichnamige Buchtitel der Festrednerin, Gesine Schwan, prägte den diesjährigen Reformationsempfang der Evangelischen Kirchen am Donnerstag, 29. Oktober, in der Akademie der Wissenschaften in Wien. Die Politikwissenschaftlerin, Autorin und zweifache deutsche Präsidentschaftskandidatin warnte vor den über 300 geladenen Gästen aus Kirchen, Politik und Gesellschaft vor einem Wettbewerb, der „Menschen vereinzelt“. Die Dominanz des Wettbewerbsgedankens, das ständige Ermitteln, „wer der Beste und Schlechteste ist“, habe zur Folge, dass sich der Verantwortungssinn des Menschen darauf konzentriere, zu gewinnen. Zwar sei wirtschaftlicher Wettbewerb nötig, dürfe jedoch „nicht das alleinige Motiv“ des Handelns sein. Vielmehr gehe es darum, Menschen aus dem Alleinsein „zu einer Gemeinsamkeit zusammenzubringen“. „Es tut dem Menschen nicht gut, allein zu sein“, sagte Schwan wörtlich. Im Gespräch mit dem Sozialexperten der Diakonie, Martin Schenk, definierte die Politikwissenschaftlerin Gerechtigkeit als „gleiche Chance auf Selbstbestimmung für alle“, während Eigenverantwortung oft eine „sehr egozentrische Verantwortung“ sein könne. Die Politik der Privatisierung „müssen wir umkehren“, forderte die Politikwissenschaftlerin.

Bischof Michael Bünker erinnerte bei dem vom ORF-Journalisten Udo Bachmair moderierten Empfang an das Positionspapier der Evangelisch-lutherischen, der Evangelisch-reformierten und der Evangelisch-methodistischen Kirche, das wenige Stunden vor dem Empfang in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Darin äußern die Kirchen ihre Besorgnis, dass sich die Folgen der Finanzkrise dramatisch auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken. Die Krise, so der lutherische Bischof, sei im Wesentlichen eine Vertrauenskrise. Dabei gehe es nicht um das Vertrauen in den Aktienmarkt: „Uns geht es um das Vertrauen der Alleinerzieherinnen, der Kurzzeit-Arbeitenden und der Arbeitslosen, der Migrantinnen und Migranten.“ Es gehe darum, „die Quellen des Mitgefühls lebendig zu halten“. Eine sich immer wieder erneuernde Kirche wirke hinein in die Gesellschaft und präge sie durch ihr Eintreten für jene, die an den Rand gedrängt sind.

Der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld verwies auf die biblischen Wurzeln des reformatorischen Anliegens. Die Nächsten- und Feindesliebe, die Anwaltschaft für Arme und Schwache sieht Hennefeld als „Kernauftrag“ der Kirchen: „Wir müssen Individuen das Gefühl geben, dass Gesellschaft auch Gemeinschaft ist“, so der Landessuperintendent, der bei dem Reformationsempfang über die umfangreichen Aktivitäten zum Calvin-Jahr berichtete.

Seit zehn Jahren laden die Evangelischen Kirchen zum Reformationsempfang, „eine Möglichkeit zu zeigen, wofür die Evangelischen Kirchen stehen“, meinte Michael Bünker. Seit 2008 ist die Evangelisch-methodistische Kirche Mitveranstalterin. Obwohl sie aus der anglikanischen Kirche des 18. Jahrhunderts entstanden sei, lägen ihre theologischen Wurzeln „tief in der Reformation“, erklärte Superintendent Lothar Pöll und zeigte sich erfreut, „in der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen auch gemeinsam öffentlich aufzutreten“.

Der Diakoniepreis, der jedes Jahr im Rahmen des Reformationsempfangs verliehen wird, geht heuer an ein Jugendprojekt der Pfarrgemeinde Wels. Der Preisgeber, Generaldirektor Ludwig Scharinger von der RLB OÖ, Synodenpräsident Peter Krömer und die Vorsitzende des Diakonischen Ausschusses der Generalsynode, Superintendentin Luise Müller, überreichten den Preis an die VertreterInnen des Projekts „2together1“, das Jugendliche verschiedener Religionen miteinander vernetzt.

„Wovor habt ihr Angst?“ ist der Titel eines Films, den Jugendliche aus Linz gestaltet haben. Oberkirchenrat Karl Schiefermair gratulierte dem jungen Drehteam, dessen Film beim Wettbewerb „Evangelische Kirche und Judentum“ im Rahmen des evangelischen Religionsunterrichts den ersten Platz erreicht hatte. Ausgezeichnet wurden beim Reformationsempfang, den in diesem Jahr das Kollegium Kalksburg musikalisch umrahmte, wieder die besten Fachbereichsarbeiten in Evangelischer Religion. Der erste Preis geht an Nina Wildenauer vom Akademischen Gymnasium Wien, die sich in ihrer Arbeit kritisch mit den Zeugen Jehovas auseinandergesetzt hatte. Den zweiten Preis erhielt David Schuster vom Bundesgymnasium G19 in Wien für seine Calvin-Arbeit.

ISSN 2222-2464