AKH: „Ort der Erinnerung“ soll verwaiste Eltern in ihrer Trauer stützen

Die Künstlerin Päivi Vähälä hat den "Ort der Erinnerung" gestaltet
Die Künstlerin Päivi Vähälä hat den "Ort der Erinnerung" gestaltet

Geschehen sichtbar machen und Abschied erlauben

Wien (epd Ö) – An Eltern, die früh ihr Kind verloren haben, richtet sich der neu geschaffene „Ort der Erinnerung“ im Wiener AKH. Damit antworten die Leitung des Krankenhauses und die ökumenische Krankenhausseelsorge auf ein Bedürfnis jener Patientinnen und Angehörigen, die keinen Ort für ihre Trauer finden können. Von 2512 Kindern wurden im Jahr 2009 im AKH 40 tot geboren, dazu kommen auf der auf Risikoschwangerschaften spezialisierten Station 112 Fehlgeburten (Kinder mit einem Gewicht von unter 500 Gramm). Der neue „Ort der Erinnerung“ ist bewusst so gestaltet, dass die Trauernden unabhängig von ihrer Konfession, Religionszugehörigkeit oder weltanschaulichen Überzeugung angesprochen werden können, erklärte die evangelische Krankenhausseelsorgerin Margit Leuthold am Dienstag, 5. Oktober, vor Journalisten in Wien.

 

Die Initiative zum „Ort der Erinnerung“ kommt von der Evangelischen Krankenhausseelsorge. Eltern und Angehörigen soll die Möglichkeit gegeben werden, sich „mit ihrem Schmerz in aller Ruhe auseinandersetzen zu können“. Leuthold ist es wichtig, „dass die betroffenen Eltern sich auch über den ersten Schock hinaus eine Erinnerung an ihr Kind erhalten können“. Denn die Trauer und der Verlust blieben ein Leben lang, so die Pfarrerin.

 

Dass der Tod eines neu- oder ungeborenen Lebens für die Betroffenen oft schwer zu realisieren sei, unterstrich die katholische Krankenhausseelsorgerin Jeannette Yaman-Rehm. Der neue Ort der Erinnerung helfe, „das Geschehene greifbar zu machen“. Die Hebamme Sabine Sara ist in ihrem Berufsalltag immer wieder mit der Verzweiflung von Eltern konfrontiert, die ihr Kind oft schon im Kreißsaal verlieren. Laut ihrer Erfahrung sei es besonders wichtig, den Eltern ein Abschiedsritual zu ermöglichen. Dazu gehören auch eine Segnung und ein Begräbnis, wenn es die Angehörigen wünschen. Der „Ort der Erinnerung“ sei Teil dieses Prozesses um die Trauer zu verarbeiten.

 

„Nirgendwo liegen Freude und Leid so nahe beieinander wie in einer geburtshilflichen Abtei-lung eines Krankenhauses“, erklärte Leopold-Michael Marzi von der AKH-Direktion. Neben der Trauer von Eltern und Angehörigen tangiere der Tod eines Kindes auch jene Menschen, die in der Geburtshilfe tätig sind. Der „Ort der Erinnerung“ sei ein Angebot konkreter Hilfe und gehe „über ein bloßes Symbol hinaus“.

 

Willy Weisz arbeitet ehrenamtlich in der jüdischen Krankenhausseelsorge. Der Tod von Kindern werde besonders traumatisch erlebt, da er „ungerecht und widernatürlich wirkt“. Neben der nötigen Zeit, so der Universitätsprofessor, brauchen betroffene Eltern auch einen Ort der Verabschiedung, „damit sie allmählich wieder den Weg ins Leben finden können“.

 

Gestaltet hat den Raum die finnische Künstlerin Päivi Vähälä. Neben einer großen Installation, auf der Blumen abgebildet sind, haben die Trauernden auch die Möglichkeit, auf einer Stecktafel eine Perle anzubringen. Jede Perle ist handgemacht und symbolisiert die Einzigartigkeit jedes einzelnen Kindes. Durch das Aneinanderhängen der Perlen wachse so ein Bild, „und die einzelnen Perlen ergeben ein Ganzes“, sagte Vähälä. In einem Buch, das am „Ort der Erinnerung“ aufliegt, können Eltern und Angehörige zudem ihre Gedanken zu Papier bringen.

 

„Menschliches Leben ist ein Fragment. Kaum jemand erlebt dies so schmerzlich wie Eltern, die ein Kind verlieren“, sagte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker bei der Eröffnungsfeier am Dienstagabend. Der „Ort der Erinnerung“ helfe, „dass auch schmerzhafte Erinnerung zum Trost werden kann, denn für Gott geht niemand verloren“. Mit Blick auf die Perlenstecktafel meinte Bünker: „Ich wünsche mir, dass diese Tafel nie voll wird.“

 

Die auf dem Bild dargestellten Blumen sind für den römisch-katholischen Weihbischof Franz Scharl ein „Gruß aus dem Paradies“. Dankbar zeigte sich Scharl für die intensive ökumenische und interreligiöse Kooperation in der Krankenhausseelsorge. Zugleich sei das neue Angebot eine Anregung für die eigene Kirche: „Gibt es einen ‚Ort der Erinnerung‘ auf katholischen Friedhöfen?“, fragte der Weihbischof, hier sei „noch viel zu tun“. „Der Trauer muss man Zeit geben, damit man auch weiß, woher man kommt“, erklärte der altkatholische Bischof Johannes Okoro. Nur wenn „Abschiede akzeptiert“ werden, könne Neues entstehen. Der evangelisch-reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld hob bei der von der Direktorin der Evangelischen Frauenarbeit, Barbara Heyse-Schaefer, moderierten Feier den offenen Charakter des „Ortes der Erinnerung“ hervor. „Dort, wo Worte fehlen“, seien religiöse Vereinnahmung oder „Einkastelung“ der Menschen fehl am Platz. Diese Offenheit ohne Grenzen würde sich der Landessuperintendent auch in der Gesellschaft wünschen.

 

Dass in der islamischen Tradition dem „spirituellen Ort“ besondere Bedeutung zukommt, betonte die Direktorin der Berufsorientierten Islamischen Fachschule für Soziale Bildung, Zeynep Elibol. Der „Ort der Erinnerung“ sei wichtig, weil für Menschen ein anderer Mensch „ohne Zeit und Ort schwer vorstellbar“ sei.

 

Das neue Angebot für trauernde Eltern und weitere Angehörige ist ein gemeinsames Projekt der evangelischen, katholischen, altkatholischen und orthodoxen sowie der islamischen und jüdischen Seelsorge im AKH. Die evangelische Kapelle im AKH befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur katholischen Kapelle sowie zu den Gebetsräumen der jüdischen und islamischen Glaubensgemeinschaften. Sie ist rund um die Uhr geöffnet.

ISSN 2222-2464