Wilhelm-Hartel-Preis für Ulrich Körtner

Der evangelische Theologe und Medizinethiker Ulrich Körtner ist mit dem Wilhelm-Hartel-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet worden. Rechts im Bild Anton Zeilinger, Präsident der Akademie der Wissenschaften, bei der Überreichung der Urkunde. Foto: epd/Uschmann
Der evangelische Theologe und Medizinethiker Ulrich Körtner ist mit dem Wilhelm-Hartel-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet worden. Rechts im Bild Anton Zeilinger, Präsident der Akademie der Wissenschaften, bei der Überreichung der Urkunde. Foto: epd/Uschmann

Akademie der Wissenschaften würdigt evangelischen Theologen und Medizinethiker

Wien (epdÖ) – Den diesjährigen Wilhelm-Hartel-Preis der Akademie der Wissenschaften hat der evangelische Theologe und Medizinethiker Ulrich H.J. Körtner erhalten. Mit dem Preis in der philosophisch-historischen Klasse würdige die Akademie Körtners fächerübergreifende Forschungstätigkeit im Bereich der Theologie sowie insbesondere der Medizin- und Bioethik, betonte deren Präsident Anton Zeilinger bei der Preisverleihung am Dienstagabend, 13. Dezember, in Wien.

In seinem Festvortrag ging Körtner auf das Verhältnis von Reformation und Wissenschaft beziehungsweise von Theologie und Wissenschaft ein. Dabei unterschied der Theologe zwischen Verfügungswissen und Orientierungswissen. Bei dem Wissen des christlichen Glaubens handle es sich um Orientierungswissen. Dieses kritisch zu prüfen sei Aufgabe der Theologie. „Während uns Verfügungswissen eine Antwort auf die Frage gibt, was wir tun können, beantwortet Orientierungswissen die Frage, was wir können sollen und wie wir leben sollen. Das Wissen des Glaubens transzendiert diese Frage nochmals, indem es nach dem Grund unseres Daseins und unserer Lebensmöglichkeiten fragt.“ Das theologische Orientierungswissen gebe eine Antwort auf die Frage, worauf Menschen im Leben und im Sterben vertrauen und hoffen dürfen.

Kritische Funktion der Theologie gegenüber der Medizin

Worin sich Theologie von allen anderen Wissenschaften unterscheide, sei die soteriologische Fragestellung, also die Frage nach der Erlösungs- und Heilswirklichkeit. Speziell in Bezug auf andere Wissenschaften übe Theologie immer dort Kritik, wo Wissenschaften Heil als Resultat menschlicher Bemühungen propagierten und offene oder verborgene Heilsversprechungen gemacht werden. „Man denke beispielsweise nur an die Heilsversprechungen der modernen Medizin. Einerseits sind in der Moderne religiöses Heil und medizinische Heilung voneinander entkoppelt worden, andererseits steht die moderne Medizin in der Gefahr, zur Heilslehre überhöht zu werden. Die kritische Funktion der Theologie gegenüber der Medizin besteht genau darin, sie von soteriologischen Ansprüchen, die zur Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung führen, zu entlasten, damit der therapeutische Imperativ nicht zum totalitären kategorischen Imperativ mutiert“, so Körtner.

Auf der Grundlage der reformatorischen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium habe sich Theologie und Kirche grundsätzlich für die Freiheit der Wissenschaft einzusetzen, resümiert Körtner. „Die Freiheit in Forschung und Lehre ist nach evangelischem Verständnis allerdings daran zu bemessen, wieweit sie sich am Wohl der Mitmenschen – biblisch gesprochen des Nächsten – orientiert.“

Der Wilhelm-Hartel-Preis in Höhe von 15.000 Euro wird vergeben an Gelehrte, die in Österreich wirken und hervorragende wissenschaftliche Leistungen in den von der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW im weitesten Sinne vertretenen Fächern erzielt haben.

Körtner ist seit 1992 Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Seit 2001 ist er Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien, in dem er seit seiner Gründung 1993 tätig ist. Körtner ist auch Direktor des Instituts für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie in Wien. Neben der Medizin-, Pflege- und Bioethik liegen Körtners Forschungsschwerpunkte auf den Gebieten der Fundamentaltheologie und Hermeneutik, allgemeine Ethik, Diakonie, Ökumenische Theologie, Eschatologie und Apokalyptik.

2001 wurde Körtner als bislang einziger Theologe „Österreichischer Wissenschaftler des Jahres“. 2010 erhielt er die Ehrendoktorwürde des Institut Protestant de Théologie/Faculté libre de Théologie Protestante de Paris, 2013 die Ehrendoktorwürde der Reformierten Theologischen Universität Debrecen. 2015 folgte der Wiener Preis für humanistische Altersforschung, 2016 zeichnete ihn die Republik Österreich mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse aus.

Körtners Vortrag ist auf science.orf.at in einer gekürzten Fassung zu finden.

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ISSN 2222-2464