Äußere und innere Not im Gefängnis und bei der Suchttherapie

Gefängnisseelsorger Matthias Geist und die Seelsorgerin im Suchtbereich Annemarie Reining berichteten bei der Evangelischen Woche aus ihrem Alltag

Wien (epd Ö) – „Der Druck, der auf einem Gefangenen lastet, ist stärker, als viele annehmen.“ Das sagte der Wiener Gefängnisseelsorger Pfarrer Matthias Geist zu Beginn seines Referats „Lebenskrisen: Äußere und innere Gefängnisse“, das er am 9. März im Rahmen der diesjährigen Evangelischen Woche im Albert Schweitzer Haus in Wien hielt. Koreferentin war die Wiener Theologin und Seelsorgerin im Suchtbereich Annemarie Reining.

In seinem Referat räumte Geist ein, dass es keine Garantie gebe, dass seelsorgerliche Arbeit im Gefängnis „etwas bewirkt“. Dennoch stelle sie eine Herausforderung für die Evangelische Kirche dar, „in der Rechtfertigung und Gnade gepredigt werden“. Hier komme evangelische Theologie zum Kern ihrer Botschaft.

Der Gefängnisseelsorger, der seine Ausführungen mit dem in der Justizanstalt Garsten produzierten Kurzfilm „Innenansichten“ illustrierte, beschrieb den Alltag einer Justizvollzugsanstalt mit den Worten: „Der Mensch im Gefängnis ist zum Objekt degradiert.“ Insbesondere für die Untersuchungshäftlinge gelte: „Der Strafvollzug zeigt sich von seiner härtesten Seite, wenn er das erste Mal zuschlägt.“ Daher müsse Seelsorge dort, „wo einen das System einengt und überrollt“, Widerstand anbieten. Das letzte Ziel kontinuierlicher seelsorgerlicher Arbeit sei, dass der Gefangene mit sich selbst „klarkommen“ könne. Bei den Gefangenen bestehe ein hoher Bedarf nach aufrechtem Kontakt zu anderen Menschen, nach Sinnsuche, Freiraum, Beschäftigung, Schulung und „freigelegter“ Emotion.

„Die Sucht schiebt sich über das Ich“

„Ich möchte Sie ermutigen, einen verständnisvollen Blick auf Drogenkranke zu werfen.“ Mit diesen Worten wandte sich Annemarie Reining an Ihre ZuhörerInnen. Die Seelsorgerin im Evangelischen Haus Hadersdorf, einem Zentrum für stationäre, halbstationäre und ambulante Drogentherapie, zu dessen Gesellschaftern der Evangelische Waisenhausverein Wien gehört, beschrieb das Entstehen der Sucht bei einem Menschen: „Die Sucht schiebt sich über das Ich des Menschen.“ Dabei verkümmere die Empathie für andere. Insgesamt dauere die Stabilisierung eines suchtkranken Menschen „viele Monate, vielleicht sogar Jahre“.

„Religiöse Bindungen, die Halt geben könnten, sind ganz selten vorhanden“, berichtete Reining aus ihrer Tätigkeit, „unsere geschichtlich gewordenen Gottesdienstformen sind den Suchtkranken fremd“. Halt vermittelten dagegen klare Tages- und Wochenstrukturen, durch die Übernahme von Verantwortung im Haus wachse die Freude am Tun. Da es vielen Suchtpatienten schwerfalle, anderen Vertrauen zu schenken, seien auch Gruppensitzungen wichtig.

„Ich wünsche mir ein Lichtermeer gegen die Armut“

In die Sucht treiben, so Reining, Defizite im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Missbrauchserfahrungen, Probleme mit beruflichen Anforderungen oder unzureichende Integration der Kinder ehemaliger Gastarbeiter. Zur gesamtgesellschaftlichen Situation erklärte Reining: „Ich wünsche mir eine noch stärker widerständige Evangelische Kirche im Reden und Tun.“ In einem reichen Land werde Armut versteckt. Reining: „Ich wünsche mir von den Kirchen in Österreich ein Lichtermeer gegen die Armut.“

ISSN 2222-2464