„Abschiebung der Zwillinge ist Schande für Österreich“

In der „Pressestunde“ sprach sich der evangelisch-lutherische Bischof für eine Reform des Fremdenrechts aus – Bildung Schlüssel zur Integration

Wien (epd Ö) – Die Abschiebung der achtjährigen Zwillinge in den Kosovo hat der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker in der ORF-„Pressestunde“ als „Schande für Österreich“ bezeichnet. Recht muss Recht bleiben, aber genauso müsse auch Menschenrecht Menschenrecht und Kinderrecht Kinderrecht bleiben, meinte der Bischof im Gespräch mit Robert Stoppacher (ORF) und der „Kurier“-Vizechefredakteurin Martina Salomon. Durch die Abschiebung der gut integrierten Familie – „die Kinder waren sogar Ministrantinnen“ – werden „fünf Jahre an Integrationsarbeit vernichtet“. Die Verantwortung dafür tragen nach Bünkers Ansicht die Parteien, die dieses Gesetz beschlossen haben. „Die Clubobleute selbst sollten einmal bei solchen Abschiebeaktionen dabei sein“, wünscht sich der Bischof. Auch tue man der „Polizei nichts Gutes, wenn man sie in solche Situationen bringt“.

 

Bünker sprach sich für eine Reform des Fremdenrechts und für ein Bleiberecht aller gut integrierten Familien aus, die bereits fünf Jahre oder länger in Österreich sind. Das humanitäre Bleiberecht solle „großzügiger“ umgesetzt werden, hier gehe es um ein „Recht und nicht um Gnade“. Der Bischof widersprach dem „Generalverdacht, dass unser System ausgenützt“ werde. „Hier kommen Menschen, die in Not sind und eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder suchen“, so Bünker wörtlich.

 

Eigenes Ressort für Integration

 

Bünker erneuerte seine Forderung nach einem eigenen Ressort für Fragen der Integration. Bisher sei in Österreich „zu wenig“ für eine geordnete Zuwanderungspolitik getan worden, befand der Bischof. Zu lange seien die in ganz Europa relevanten Fragen der Migration ausschließlich unter dem Sicherheitsaspekt behandelt worden. Den Schlüssel für gelungene Integration sieht Bünker in der Bildung. Integration sei nie Einbahnstraße, natürlich sei das Erlernen der deutschen Sprache notwendig, jedoch müsse auch die aufnehmende Gesellschaft sich „ein Stück weit“ verändern. Die Kirchen, so Bünker, leisteten im Bereich der Integration wertvolle Beiträge, besonders würdigte der Bischof die orthodoxen Kirchen, die sich hierin „sehr engagiert“ zeigten.

 

Angesprochen auf die Attraktivität der Evangelischen Kirche kam Bünker auf den in dieser Woche im Wiener AKH eröffneten „Ort der Erinnerung“ zu sprechen, der sich an Eltern von tot geborenen Kindern richtet. Mit dem Aufgreifen dieses Tabuthemas durch die evangelische Krankenhausseelsorge, die dann den „Ort der Erinnerung“ in „hervorragender Kooperation“ mit den anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften im AKH realisiert habe, würden die „Markenzeichen“ der Evangelischen Kirche sichtbar: Die Evangelische Kirche, deren Mitgliederzahlen in den letzten Jahren „stabil“ geblieben waren, stehe „nahe bei den Menschen“, sei „dort, wo es schwierig wird“, und scheue sich nicht Tabus aufzugreifen und Konflikte auszutragen.

 

Gestiegenes Interesse an evangelischer Kirche

 

Dass die Evangelische Kirche nicht von zahlreichen Missbrauchsfällen wie die Römisch-katholische Kirche betroffen ist, sieht Bünker weniger im fehlenden Zölibat begründet. Viel entscheidender sei die Gleichberechtigung der Frauen, die in der Evangelischen Kirche auf allen Ebenen gelebt werde und auf die er „stolz“ sei. Bünker: „Wenn Frauen gleichberechtigt sind, verändert sich der Umgang mit Sexualität und Machtfragen.“ Der Bischof berichtete von einem deutlich gestiegenen Interesse an der Evangelischen Kirche aus unterschiedlichen Motiven. Darunter seien auch „engagierte Katholiken, die sich aus Enttäuschung zum Austritt entschließen, aber kirchlich nicht unbeheimatet bleiben wollen“.

 

Bünker unterstrich in dem knapp einstündigen Interview die evangelischen Pole der Freiheit und Verantwortung, die sich auch im „unverkrampften“ Verhältnis zur Sexualität ausdrückten. Kritisch äußerte sich Bünker zur ökumenischen Linie des Vatikans. Hier werde „offenbar nicht berücksichtigt, was sich im ökumenischen Dialog seit dem Zweiten Vatikanum getan hat“. Die Evangelische Kirche brauche nicht „die Anerkennung von jemand anderem, sondern lebt aus dem Auftrag des Evangeliums“. In Österreich erlebe er den Umgang miteinander „gut und vertrauensvoll“, was vor allem auf die Pionierarbeit von Kardinal Franz König zurückgehe.

 

Ortstafeln: „Hoffnungszeichen“ aus Kärnten

 

Erfreut zeigte sich der evangelisch-lutherische Bischof über die „Hoffnungszeichen“ aus Kärnten, die „Ortstafelfrage“ bald zu lösen. Als zentrale Themen der Kirchen in Europa sieht Bünker, der auch Generalsekretär der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE) ist, die Situation von Minderheiten, die Menschenrechte, die Bekämpfung der Armut oder aktuell den zunehmenden „Sterbetourismus“: Bünker: „Da kann man nicht zuschauen.“

 

Würde die Türkei der EU beitreten, könnte sich die Situation der Christen in diesem Land verbessern, ist Bünker überzeugt. Die Ängste in der Bevölkerung vor einer Islamisierung müsse man verstehen, dennoch ortet der Bischof massive Vorurteile und Klischees, etwa von „dem Islam“, den es so nicht gebe. Bünker erinnerte an die evangelische Generalsynode, die sich schon 2007 für mehr Kontakte zwischen den Religionen und für ein Aufeinanderzugehen ausgesprochen hat.

 

Für einen europäischen Islam, der die „Hausordnung einhält“

 

In der Diskussion über Minarette zeige sich, dass „Österreich offenbar ein Problem hat, wenn Minderheiten in der Öffentlichkeit sichtbar werden“. Die Evangelische Kirche hätte ein „ähnliches Schicksal“ erlebt. So war ihr durch Jahrzehnte hindurch verboten, Kirchtürme zu bauen. Dass Christen in einzelnen islamischen Ländern verfolgt und Frauen unterdrückt werden, will Bünker „nicht zum Maßstab nehmen, dass bei uns Recht geschmälert wird“. Es brauche einen „weltweiten Einsatz gegen die Verfolgung der Christen“, dennoch dürften nicht alle islamischen Länder pauschal beurteilt werden. Letztlich gehe es im gemeinsamen Zusammenleben um einen europäischen Islam, der auch die „europäische Hausordnung“ einhält. Dazu gehören für Bünker die Gleichberechtigung der Frau ebenso wie die Freiheit, die Religion auch wieder zu verlassen, oder die Kritik der Religion: „Alle Religionen werden sich noch stärker darum bemühen müssen, dass das gilt.“ Die Burka, der Ganzkörperschleier, sei ein „Scheinproblem“, das von den wichtigen Fragen der Bildung ablenke. Gerade im Bildungsbereich brauche es Reformen: „In der Integration muss man bei den Kindern beginnen“, Anreize seien besser als die Androhung von Sanktionen.

 

Wer zahlt für die Krise?

 

Deutlich sprach sich Bünker gegen die „Religionisierung“ von Politik aus, wenn „Politiker sich anmaßen, religiöse Symbole und Inhalte zu plakatieren“. Die Evangelische Kirche selbst mache keine Politik, sondern erhebe gemäß dem Auftrag aus dem Evangelium ihre Stimme dort, „wo Menschen bedroht sind, wo Menschen am Rand stehen“. Begrüßt wird vom evangelisch-lutherischen Bischof die bedarfsorientierte Mindestsicherung. „Entscheidend wird nun nach den Wahlen sein, wer für die Krise zur Kasse gebeten wird.“ Die Bewältigung dürfe nicht zu Lasten jener gehen, die „ohnedies zu kämpfen“ haben. „Vermögen verpflichtet“, sagte Bünker. Bei einer „Abfertigung von 40 Millionen für Herrn Profumo ist jedes Maß verloren gegangen“.

 

Service: Die Sendung ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage auf der Video-Plattform ORF-TVthek www.TVthek.ORF.at/ als Video-on-Demand abrufbar.

ISSN 2222-2464