350.000 Menschen bei Langer Nacht der Kirchen

Blickten zurück auf die hundert Jahre seit Gründung der Ersten Republik: Kardinal Christoph Schönborn (li) und Bischof Michael Bünker. Foto: kathpress/Robert Mitscha-Eibl
Blickten zurück auf die hundert Jahre seit Gründung der Ersten Republik: Kardinal Christoph Schönborn (li) und Bischof Michael Bünker. Foto: kathpress/Robert Mitscha-Eibl

Gedenken an 100 Jahre Republiksgründung

Wien (epdÖ) – Rund 350.000 Menschen haben auch heuer in ganz Österreich an der „Langen Nacht der Kirchen“ teilgenommen; allein in der Bundeshauptstadt Wien hätten am Freitag, 25. Mai, 150.000 Personen Kirchen und kirchliche Einrichtungen besucht, heißt es vonseiten der Organisatoren. Damit sind in etwa gleich viele Menschen wie im Vorjahr der Einladung aller in Österreich vertretenen Kirchen gefolgt. Die 14. Auflage bot mitbundesweit rund 2.500 Veranstaltungen in 620 Gotteshäusern wieder ein buntes Programm. Das biblische Motto lautete heuer „Auch blieben sie die Nacht über um das Haus Gottes“, einen inhaltlichen Schwerpunkt bildete das Gedenken an die Gründung der Ersten Republik vor 100 Jahren.

Das Erinnerungsjahr 2018 stand auch im Mittelpunkt einer Diskussionsveranstaltung, an der Bischof Michael Bünker, Kardinal Christoph Schönborn und der Zeithistoriker Oliver Rathkolb am frühen Abend teilnahmen. Schönborn und Bünker spannten einen durchaus kirchenkritischen Bogen von der unterschiedlich aufgenommenen Gründung der Ersten Republik über den katholisch dominierten Ständestaat und die von Illusionen bzw. Anpassung begleitete Machtergreifung der Nationalsozialisten bis hin zur vom Migrationsthema dominierten Gegenwart. Beide waren sich darin einig, dass nur eine stets wachgehaltene Gedenkkultur Bedrohungen der Demokratie durch Polarisierung und Gewalt hintanzuhalten vermöge.

Bünker: Staat soll sich auf Kernaufgaben beschränken

Bischof Bünker nannte gegenwärtige politische Entwicklungen in Europa „extrem beunruhigend“; er ortete eine zunehmende, die Demokratie aushöhlende Polarisierung und die Tendenz, den politischen Gegner als Feind zu sehen. Zugleich finde er es geradezu ärgerlich, dass derzeit eine „große Werte-Beschwörung“ in Europa zu beobachten und ständig von der „Gemeinschaft“ die Rede sei – beides Begriffe, die besser zu Kirchen passten. Es würde reichen, würde sich der Staat auf seine Kernaufgaben im Sinne von Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“ beschränken: nämlich für Frieden und geordnetes Zusammenleben sowie für ausreichende Versorgung der Bürger zu sorgen.

Schönborn: Christentum ist tragfähig für Vielfalt

Kardinal Schönborn sagte mit Blick auf die Gegenwart, Migration sei ein entscheidendes und zugleich herausforderndes Thema, die österreichische Gesellschaft werde in einer Generation anders aussehen als jetzt und auch „die Zukunft der Kirche wird bunt sein“. Schon jetzt gebe es mehr als 30 nicht-deutschsprachige Kirchengemeinden in Wien, ein Drittel der Wiener Katholiken habe Migrationshintergrund. Schönborn wörtlich: „Wenn eine Gemeinschaft tragfähig genug ist für eine solche Vielfalt, dann das Christentum.“

Für ihn als Zeithistoriker sei es hochspannend, dass eigentlich sehr „autoritäre Gebilde“ wie die Kirchen sich in der gegenwärtig aggressiven, politisch aufgeheizten Stimmung als Wahrer der Demokratie erweisen. Er konzedierte beiden Kirchenführungen, einen „unglaublichen Lernprozess durchgemacht“ zu haben und diese historische Lektion auch umzusetzen: indem, sie nämlich gegenwärtig durch ihre ruhig besonnene und zugleich engagierte Haltung in der Migrationsfrage überzeugten.

Schweigemarsch zur Eröffnung der Langen Nacht

Am Beginn der Langen Nacht der Kirchen war ein Schweigemarsch für verfolgte Christinnen und Christen durch die Wiener Innenstadt gestanden, an der neben Kardinal Christoph Schönborn auch der serbisch-orthodoxe Wiener Bischof Andrej Ćilerdžić, der altkatholische Bischof Heinz Lederleitner, der evangelische Altbischof Herwig Sturm und weitere hochrangige Kirchenvertreter teilnahmen. Bischof Andrej erinnerte an das Leid, das die Kriege im Nahen und Mittleren Osten mit sich brächten: Die jahrelange Gewalt hätte „das Fehlen jeder Hoffnung“ und eine „geistliche Ausgebranntheit“ zur Folge. Zuversicht gäben dabei die von Gott geschenkten Selbstheilungskräfte der Völker und der Menschen sowie das Gebet.

Dichtes evangelisches Programm

Für vielfältiges Programm sorgten auch evangelische Kirchen und Einrichtungen im ganzen Land. In der Grazer Kreuzkirche konnten beispielweise Kinder traditionelle afghanische Drachen basteln und dabei mit Kindern aus Afghanistan ins Gespräch kommen. In der reformierten Wiener Zwinglikirche lieferte das Ensemble „teatro caprile“ einen Schnelldurchlauf durch 100 Jahre Republiksgeschichte, und in der Wiener Gustav-Adolf-Kirche las Starautorin Friederike Mayröcker aus ihren Werken. Erstmals hatte sich auch die „Diakonie Eine Welt“ an der Langen Nacht beteiligt: Sie feierte das 50-jährige Bestehen des Diakonie-Standorts in der Wiener Steinergasse. Insgesamt gab es heuer bei der Langen Nacht der Kirchen mehr als 220 evangelische Programmpunkte.

Die nächste „Lange Nacht der Kirchen“ findet am 24. Mai 2019 statt.

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ISSN 2222-2464